22 Personen, die gegen einen Ball treten – und warum es doch so viel mehr ist. 

22 Personen, die gegen einen Ball treten – und warum es doch so viel mehr ist. 

Ein Beitrag von: Chiara Starcke

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Die Geschichte der “Kiezkicker” und der Kampagne “Nazis raus aus den Stadien”

Polizeiaufmarsch in Babelsberg, hunderte Fußballfans am Potsdamer Hauptbahnhof.  Dieses Bild zeichnet sich ab, wenn die Kiezkicker von Babelsberg auf Energie Cottbus treffen. Das sogenannte „Brandenburg Derby“ findet durch den Aufstieg von Energie Cottbus in die 3. Liga nur noch vereinzelt im Landespokal statt, wie zuletzt im November vergangenen Jahres.  Trotzdem sorgt dieses Duell immer wieder für Debatten. Aber nicht nur sportlich, sondern auch im politischen Kontext wird die Partie seit 2015 thematisiert.   

Aber warum ist dieses Derby vor allem so politisch aufgeladen?  

Am 28. April 2017 kam es im Karl-Liebknecht-Stadion zum ersten Brandenburger Duell seit 10 Jahren. Vor rund 4.000 Zuschauern, davon 400 Cottbus Anhängern, eskalierte die Situation in rechtsextremen Vorfällen und mehreren Platzstürmen. Während die Fans der 03er sich antifaschistisch positionieren, gaben rechte Fangruppen den Ton bei Energie an. Es wurde aus dem Gästeblock der Cottbuser Fans mehrfach Pyrotechnik gezündet, zudem Hitlergrüße gezeigt und faschistische Parolen wie „Sieg Heil“ gerufen. Besonders gravierend war das Skandieren des Slogans „Arbeit macht frei – Babelsberg 03“.   

Der Polizeieinsatz im Stadion war umfangreich und Einsatzkräfte mussten mehrfach das Spielfeld betreten, um weitere platzstürmende Anhänger der Gäste aufzuhalten. Auch kam es zu wiederholtem Werfen von Böllern aus dem Gästeblock in den vollbesetzten Babelsberg-Block, wodurch Zuschauer:innengefährdet wurden.   

Zwischen Schuldsprechungen und ungleichen Strafen  

 Der Nordostdeutsche Fußballverbund (NOFV) erkannte in seinem späteren Urteil die Spielstörung an und verhängte Geldstrafen an beide Vereine. Auffällig war dabei, dass Energie Cottbus lediglich 6.000 Euro Strafe zahlen musste, während 03 zu einer Strafe von 7.000 Euro schuldig gesprochen wurde. Die rechtsextremen Rufe der Cottbuser Fans wurden schlicht ignoriert, Rufe eines Babelsberger Fans, der sich mit „Nazischweine raus“ aus der Kurve äußerte, wurden jedoch vom Spielbeobachter notiert.   

“Es gibt keinen unpolitischen Raum”: Ein Interview mit Thoralf Höntze  

 In Reaktion auf die Vorfälle initiierte Babelsberg 03 die Kampagne „Nazis raus aus den Stadien“, über die ich mit Thoralf Höntze, dem Leiter der Marketingabteilung bei Babelsberg 03, gesprochen habe.  

 Herr Höntze erinnert sich an den besagten Spieltag „Anscheinend waren an diesem Tag viele rechtsorientierte Fans mitgereist“, berichtet er. Auch er spiegelt die Geschehnisse des Spieltages so, wie auch der RBB und die Berliner Zeitung berichteten: Von Hitlergrüßen und anderen faschistischen Parolen, wie dem U-Bahn-Lied. Als der NOFV dann eine Strafe gegen Babelsberg verhängte und nicht gegen Energie, waren viele Funktionäre entrüstet. „Zu unserem Erstaunen gab es eine Strafe, aber nicht etwa gegen Cottbus, sondern für uns“, äußerte der Marketingleiter von 03.   

Der Spielbeobachter habe lediglich den Ausruf gegenüber Cottbus notiert, während die rechtsextremen Vorfälle aus dem Gästeblock vollständig ignoriert wurden. Die Folge war eine Geldstrafe von 2.700 Euro, die einen erheblichen Teil der Sanktion ausmachte und auf den Ausruf eines 03-Anhängers zurückging, wobei Thoralf Höntze betont, dass die Empörung riesengroß war.   

Merchandise mit Haltung  

 Fast über Nacht entstand die bedeutende Kampagne „Nazis raus aus den Stadien“, deren Aufdruck auch fast zehn Jahre später immer noch auf Beuteln und T-Shirts der Besucher des Karl-Liebknecht-Stadions an Spieltagen zu sehen ist.   

 Was zur Deckung der Prozesskosten, um in Berufung gehen zu können, begann, entwickelte sich schnell zu einer Eigendynamik. Bereits wenige Tage später war klar, dass der Verein einen Stein ins Rollen gebracht hatte.   
„Schon zwei Wochen später explodierte unser Online-Shop“, berichtet er. Ehrenamtliche Helfer mussten organisiert werden, um die Vielzahl an Bestellungen abzuarbeiten. Als dann Fanszenen anderer Vereine die Botschaft aufgriffen, etwa in Form von Spruchbändern, entwickelte sich nach Thoralf Höntze „eine schnelle eigene Dynamik.“  

Die Solidarität reichte weit über Potsdam und den Kiez hinaus. Erst- und Zweitligisten übernahmen das Logo und Tausende Artikel wurden verkauft. Der Verein zog auch internationale Aufmerksamkeit, etwa durch den FC Sevilla und Celtic Glasgow auf sich. „Das fühlte sich nach Gerechtigkeit an“, erzählt der 03er.   

Nicht wegen der Geldstrafe selbst, sondern wegen der empfundenen Ungleichbehandlung durch den Verband. „Uns ist klar geworden, dass europa- und deutschlandweit die allermeisten Vereine klar gegen rechte Strukturen, Hass und Hetze stehen“ berichtet Herr Höntze. „Auch Vereine, von denen man es zuvor nicht erwartet hatte, positionierten sich deutlich. Zu merken, dass wir nicht allein sind, war extrem wichtig.“  

Politischer Fußball im Kiez  

 Babelsberg 03 wird heutzutage häufig als Symbol für eine klare antifaschistische Haltung im Fußball wahrgenommen. Diese Rolle sei jedoch nicht immer selbstverständlich gewesen. „Früher gab es eine deutliche Trennung zwischen den Fans und dem Verein“, erklärt der langjährige Wegbegleiter des Klubs.   

 Das habe sich jedoch mit der Übernahme des Amtes des Präsidenten durch Archibald Horlitz geändert. Mit dem damaligen neuen Vereinsvorsitzenden sei auch eine klare politische Positionierung möglich geworden. Auch nach dem erneuten Wechsel des Vereinsvorsitzes im Jahr 2021 engagiert sich der Verein offen gegen rechts. Zum Beispiel im Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“, durch eigene Gegenkundgebungen gegen rechte Demonstrationen oder durch Unterstützung zivilgesellschaftlicher initiativen, etwa über Pfandbecherspenden an Spieltagen.  

 Auf die Frage, ob die Kampagne für ihn ein abgeschlossenes Kapitel ist, schüttelt der 03 Funktionär mit dem Kopf „Wir führen sie weiter, legen neue Shirts auf und engagieren uns politisch. Die Kampagne kann gar kein Ende finden, schon gar nicht in der heutigen politischen Lage.“ Angesichts eines gesellschaftlichen Rechtsrucks sei es umso wichtiger Haltung zu zeigen. Eine zentrale Lehre aus der Entwicklung der Kampagne sei, sich nicht alles gefallen zu lassen. „Man muss Dinge klar benennen, Solidarität einfordern und das auch nach außen kommunizieren.“  

Es habe sich gezeigt, dass auch gegen Verbände Druck Wirkung entfalte, etwa bei der Lockerung früherer Regeln, die politische Botschaften auf Trikots untersagten.   

Stellungsspiel oder doch Stellung im Spiel?  

 Nicht allzu selten gibt es Stimmen, die äußern, dass Politik im Fußball nichts zu suchen habe. Diese Forderung bezeichnet Herr Höntze als „unsinnig“. Fußball sei ein Spiegel der Gesellschaft. Einen unpolitischen Raum gebe es nicht. Häufig kämen solche Forderungen von Menschen, die sehr wohl Politik im Stadion akzeptieren, solange sie von rechts kommen.  

 Die Geschichte von Babelsberg 03 und der Kampagne „Nazis raus aus den Stadien“ zeigt, wie aus einer Reaktion auf ein einzelnes Urteil eine Bewegung entstehen kann, welche von Empörung, Solidarität und dem Bewusstsein, dass Fußball immer mehr als nur ein Spiel ist, getragen wird.   

Bildquellen

  • : Thoralf Höntze

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