KI ist längst im Alltag angekommen, auch an der Universität. Was macht das aber eigentlich mit uns und unserer Gesellschaft? Was das Auslagern von Herausforderungen mit sich bringt und warum es vielleicht gar nicht schlecht ist, in der nächsten Hausarbeit doch nochmal die eigene Gedankenkraft anzustrengen, lest ihr hier.
Künstliche Intelligenz ist allgegenwärtig. Elicit hilft beim Quellen finden für Hausarbeiten, Nano Banana kann auf Knopfdruck Bilder und Videos produzieren und ChatGPT hilft wahlweise bei der Kochentscheidung, bei der Lebensplanung oder beim Formulieren von Arbeitsmails.
Fast so allgegenwärtig wie KI ist die Debatte um die Nutzung von KI, das Spannungsfeld zwischen der technischen Effizienz und den innovativen Potenzialen und den sozialen und ökologischen Folgen der KI-Nutzung.
Uns allen wird schon der Fakt über den Weg gelaufen sein, dass bei längeren Gesprächen mit ChatGPT ungefähr eine halber Liter Wasser verbraucht wird. Und auch die Tatsache, dass zwischen 30 und 50% der Trainingsdaten Künstlicher Intelligenz urheberrechtlich mindestens fragwürdig beschafft und genutzt werden ist, kein Geheimnis.
Ein Aspekt, der mir in der bisherigen Debatte allerdings noch zu kurz kommt, ist der Zusammenhang zwischen KI-Nutzung, dem Gefühl von Selbstwirksamkeit und der Stabilität unserer Demokratie.
Der Psychologe Albert Bandura definiert in der Encyclopedia of human behavior Selbstwirksamkeit als den Glauben in die eigenen Fähigkeiten, bestimmte Performanzlevel zu produzieren, die Einfluss auf Ereignisse haben, die das eigene Leben beeinflussen. Dieser Glaube an die eigenen Fähigkeiten und die eigene Resilienz beeinflusst Lebensentscheidungen, Leistungsbereitschaft und Zielsetzungen, aber auch den Umgang mit Stress und damit langfristig die körperliche und geistige Gesundheit.2
Die gute Nachricht: Selbstwirksamkeit kann erlernt werden. Einen großen Einfluss haben dabei positive Rollenbilder, aber auch das Vertrauen, das das soziale Umfeld in die Fähigkeiten und den Erfolg des Individuums steckt. Der wichtigste Faktor beim Erlernen von Selbstwirksamkeit ist allerdings das Meistern von Herausforderungen. Erfolge, insbesondere wenn sie durch das Überwinden von schwierigen Aufgaben und den Einsatz von Mühe entstehen, vermitteln das Gefühl: „Du kannst auch Schwieriges schaffen.“ Einfache Erfolgserlebnisse ohne Aufwand signalisieren dem Gehirn dagegen das Gegenteil. Schon kleine Schwierigkeiten führen dann zu Rückzug, zum Aufgeben und zu Selbstzweifeln.
Genau hier setzt meine KI-Kritik an. Natürlich ist es sehr praktisch, KI lästige Alltagsaufgaben übernehmen zu lassen. Die Gefahr liegt allerdings darin, dass mit dem Auslagern des Handelns auch die Lernprozesse verloren gehen, die das Gefühl von Selbstwirksamkeit erzeugen. Damit sind nicht nur die konkreten Fähigkeiten gemeint, die die KI übernimmt. Es geht nicht nur darum, keine Mail mehr allein formulieren zu können, sich ohne ChatGPT-Therapie nicht selbst emotional regulieren zu können oder anstatt eine Illustratorin zu beauftragen, für eine Karikatur von sich selbst den nächsten AI-Slop in die Welt zu setzen.
Es geht ganz konkret um die Fähigkeit, sich Ziele zu setzen und diese zu verfolgen, und zwar privat wie politisch.
Nicht nur in der Psychologie sondern auch in der Soziologie und Demokratieforschung wird das Konzept von Selbstwirksamkeit untersucht. Neben dem Vertrauen in politische Institutionen gilt das Gefühl von politischer Selbstwirksamkeit als einer der Grundpfeiler der Demokratie.
Politische Selbstwirksamkeit, also die Einschätzung der eigenen Einflussfähigkeit auf politische Entscheidungen hat natürlich mehr als einen Ursprung. Sie variiert beispielsweise zwischen Geschlechtern, Identitäten und Bildungsniveaus.
Das Erlernen von Selbstwirksamkeit, politisch wie persönlich, hängt aber stets damit zusammen, Wege zu gehen, die nicht die Wege des geringsten Widerstands sind. Wege, auf denen es Mal Hürden gibt, Wege auf denen man neue Fähigkeiten erlernen muss und Wege, auf denen man auch von Zeit zu Zeit Umwege suchen muss, um an ein Ziel zu gelangen.
Kurz: Wer sich zutrauen möchte, die Welt zu verändern, muss sich erstmal zutrauen können, über das eigene Abendessen zu entscheiden oder eine Hausarbeit zu schreiben. Nichts macht es Demokratiefeinden so leicht, sich zu etablieren, wie erlernte Hilflosigkeit, wie ein „Da kann ich doch sowieso nichts dran ändern“.
Diese Hilflosigkeit ist kein persönliches Versagen, zwischen KI und Social-Media-Brainrot ist sie eine ganz normale Reaktion des Körpers und des Geistes und ich fühle sie auch oft genug. Aber sie lässt sich auch wieder verlernen, wenn man es möchte.
Deshalb: Lasst uns Mal wieder lernen zu denken, zu handeln und zu lernen. Und mach deine nächste Abgabe vielleicht doch Mal wieder ohne Chatty, einfach so fürs Gefühl.
