Gekommen. Geliefert. Und trotzdem Koffer packen?! 

Gekommen. Geliefert. Und trotzdem Koffer packen?! 

Ein Beitrag von: Oleg Klinke

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Wie Studierende um ihren Dozenten kämpfen. 

Es ist ein eisiger, glatter Wintertag an der Universität Potsdam. Eigentlich kein Wetter für eine Demo. Die Kälte hält die Studierenden dennoch nicht ab, ihre Stimme zu erheben. Begleitet von einer Polizeistreife, der Musik von Verka Serduchka und lauten Sprechchören demonstrieren Studierende verschiedener Fakultäten unter dem Motto „Stanislav bleibt!“ am 06.02.2026 gegen eine Personalentscheidung, die für viele am Institut für Slavistik das Ende einer fairen Zusammenarbeit markiert. 


Das Institut mag nicht das größte der Uni sein, ist für seinen einzigartigen Schwerpunkt aber umso bekannter. Einer der zentralen Pfeiler: Dr. Stanislav Klimovich. Er gilt als einer der am Institut geschätztesten und beliebtesten Dozenten. Seine Kurse ziehen nicht nur Studierende der Slavistik an, sondern Hörerinnen und Hörer aus allen Fakultäten. 

Doch am 30.03.2026 ist vorerst Schluss. Fünf Jahre lang hat Klimovich an der Universität Seminare geleitet, Studierende intensiv betreut und hohes Ansehen genossen. Jetzt läuft sein befristeter Vertrag aus, und alles deutet auf ein Ende der Zusammenarbeit hin. Nach Informationen aus Institutskreisen steht bereits eine Nachfolge fest. Die begehrte, nun entfristete Dauerstelle auf seiner Position soll ein externer Bewerber bekommen. Diese Entscheidung stößt auf massiven Widerstand und hat eine regelrechte Gegenbewegungausgelöst. Das manifestiert sich nicht nur durch die Demonstration vor Ort, sondern auch digital. Eine Online-Petition mit dem Titel ‚Stanislav bleibt!‘ sammelte bereits über 200 Unterschriften von Unterstützenden, die den Verbleib des Dozenten fordern. 

In einer offiziellen Stellungnahme findet der Fachschaftsrat (FSR) Slavistik deutliche Worte: „Die Auswahlkommission hat entschieden, Stanislav Klimovich nach fünf Jahren befristeter Anstellung nicht für die unbefristete Stelle für die Koordination von IRS und die politikwissenschaftlichen Tätigkeiten zu berufen. Diese Entscheidung ist für uns weder akademisch nachvollziehbar noch aus organisatorischer oder menschlicher Perspektive überzeugend. 
“Eine Person über fünf Jahre hinweg auf einer befristeten Stelle zu halten und anschließend – ohne für Studierende nachvollziehbare Begründung – nicht zu entfristen, wirft grundsätzliche Fragen nach Verantwortung, Fairness und nachhaltiger Personalpolitik auf.“  

Auch auf der Institutsversammlung am 28.01.2026 wurde diese Personalentscheidung heftig diskutiert. Es heißt zwar aus dem Institut, dass das Verfahren noch nicht formal abgeschlossen sei. Doch für die Studierenden und auch für Klimovich selbst fühlt sich die aktuelle Situation an wie ein Abschied auf Raten.  

„Wir sind anwesend, aber ihr hört uns nicht zu.“ 

Bereits zum zweiten Mal werden die Interessen der Studierenden in kurzer Zeit ausgehöhlt – erst bei der hitzigen Debatte um die Einführung der Anwesenheitspflicht nun bei derNeubesetzung. Die Kurse von Klimovich sind nicht nur nahbar, sondern auch wissenschaftlich auf einem hohen Niveau, was für große Motivation und freiwillige Beteiligung sorgt. Umso größer ist das Unverständnis der Studierenden über den möglichen Rauswurf. 

 
Doch was steckt dahinter? Sind die Vorwürfe des FSR berechtigt? SpeakUP hat exklusiv recherchiert. Wir haben mit den betroffenen Studierenden gesprochen, die Statements der Institutsleitung ausgewertet und Dr. Stanislav Klimovich persönlich befragt. 

Denn besonders hart trifft die Personalentscheidung den Studiengang Interdisziplinäre Russlandstudien, kurz IRS. Die Studierenden betonen die ausgezeichnete Lehre von Klimovich und heben seine nahbare Art hervor. „Er gestaltet das lebendig. Es ist nicht nur trockene Theorie. Menschen aus anderen Fakultäten haben sich am Ende bei ihm bedankt, weil sie so viel gelernt haben“, erzählt eine Studentin im Interview.  
„Er ist quasi die Essenz des Studiengangs, das tragende Herz – und genau diese Person muss jetzt gehen.“ Diesen Eindruck bestätigen auch die zahlreichen Kommentare unter der laufenden Petition. Dort beschreiben Studierende seine Kurse als ‚,sehr interessant und erfrischend gestaltet” und loben seine Fähigkeit, komplexe politische Dynamiken auf Augenhöhe zu vermitteln. 

Die Konsequenzen eines möglichen Rauswurfs können also massiv sein: Studierende wissen nicht, bei wem sie im Sommersemester ihre Bachelorarbeiten schreiben sollen undwerden seitens der Universität auf andere Hochschulen verwiesen, wo sie wörtlich „auf geschlossene Türen“ treffen, wie eine Interviewpartnerin berichtet.  

Zudem steht die Befürchtung im Raum, dass der Studiengang langfristig vom Schwerpunkt Russland auf Osteuropa-Forschung verwässert wird. „Damit hätten wir kein Alleinstellungsmerkmal mehr.“, so die Sorge. Verschiedenen Stimmen zufolge hätte der Kandidat, der die Stelle bekommen soll, kaum spezifische Russland-Expertise aufzuweisen. 

Wie kann also die Auswahlkommission garantieren, hier die beste Entscheidung getroffen zu haben?  

Darauf angesprochen zieht sich die Kommission auf formale Kriterien zurück. So heißt es aus dem Institut: „Mit der öffentlichen Ausschreibung im Bereich der osteuropäischen Politikwissenschaft hat sich das Institut für ein kompetitives Verfahren entschieden, in dem wissenschaftliche Qualifikation, didaktische Kompetenzen und akademische Erfahrungen – im Sinne der Bestenauslese – nachgewiesen werden. Dabei ist Lehre eines der Kriterien. Die Auswahlkommission hat auch in diesem Sinne ihre Entscheidung getroffen. 

Studentische Initiativen im Keim erstickt 

Bei aller berechtigten auch emotionalen Enttäuschung offenbart die Argumentation der Studierenden einen tiefgreifenden Systemfehler. Einerseits pocht die Fachschaft auf ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Andererseits basiert ihr Vorwurf auf der Enttäuschung darüber, dass inoffizielle, vorab getätigte Signale am Ende nicht den Erfolg versprochen haben. Wie stimmig ist also diese Argumentation?  

Nach Angaben aus dem Fachschaftsrat wurde man monatelang mit informellen Signalen in Sicherheit gewogen, dass „alles gut wird“.  

Durch diese Aussicht auf den sichern Verbleib von Klimovich ist im Vorfeld jeglicher studentische Protest im Vorfeld erdrückt worden. Hätte man also die Gefahr eines Wechsels früher gekannt, hätten die Studierenden frühzeitig auf eine stärkere Beteiligung im gesamten Auswahlprozess gepocht. 

Auf die Frage, ob tatsächlich solche vorab getätigten Zusagen erfolgt sind, widerspricht das Institut vehement: „Da es sich um eine öffentliche Ausschreibung handelt, konnten keine anderen Signale an Herrn Dr. Klimovich vom Institut ausgegangen sein als lediglich eine Einladung, am offenen Wettbewerb teilzunehmen.  

Darüber hinaus wurde Herr Dr. Klimovich über die bevorstehende Ausschreibung persönlich von der geschäftsführenden Direktorin benachrichtigt. Es wäre falsch anzunehmen, dass ein Ergebnis einer öffentlichen Ausschreibung vor dem Auswahlprozess feststehen könnte.“  

Alles andere wäre ein Verstoß gegen rechtliche Bestimmungen.  

Doch an der Transparenz und Fairness dieses „kompetitiven Verfahrens“ gibt es seitens der Studierendenschaft massive Zweifel. Es zeichnet sich das Bild ab, dass der externe Bewerber offenbar schon vor den Weihnachtsfeiertagen die positive Nachricht erhielt. Dr. Klimovich selbst wartet bis heute auf eine offizielle, schriftliche Absage der Universität. Ein juristischer Widerspruch ist damit formal noch gar nicht möglich. Diesen Zustand empfinden die Beteiligten als bürokratische Verzögerungstaktik  

Warum also, spielt man nicht mit offenen Karten?  

Das Institut räumt zwar ein nicht offen über das Verfahren gesprochen zu haben, begründet das Vorgehen jedoch mit der Verschwiegenheitspflicht und der Komplexität des Falles: „Es mag auf die Studierenden so gewirkt haben, aber ist es wichtig, den Prozess zu verstehen: Die Ausschreibung erfolgte öffentlich und der Bewerbungsprozess wurde zentral von der Universitätsverwaltung gemanagt. Das darauffolgende Auswahlverfahren wurde durch die institutsinterne Auswahlkommission nach den für ein solches Verfahren vorgesehenen juristischen Bestimmungen sowie unter Aufsicht des Personalrats durchgeführt.” 

Das Schweigen gegenüber den Studierenden und Dr. Klimovich wird dabei als rechtliche Notwendigkeit verkauft.  Die Verschwiegenheitspflicht verbietet es Informationen weiterzugeben, solange der Prozess laufe. Was von der Uni als „Verschwiegenheit“ deklariert wird, bezeichnen Studierende als gezielte Hinhaltetaktik.  

Nichtsdestotrotz wird als Reaktion auf die mangelnde Einbeziehung studentischer Stimmen seitens der Fachschaft im Rahmen ihrer Möglichkeit eine neue Geschäftsordnung erarbeitet, die künftig eine Mitbestimmung fest verankern soll. Inwiefern sie erfolgsversprechend sein wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.  

Kompetent, Inkompetent?  

Neben der Kommunikation steht vor allem die fachliche Kompetenz der Auswahlkommission in der Kritik. Studierende und Fachschaft bemängeln, dass in der entscheidenden Runde vor allem Sprach- und Kulturwissenschaftler saßen, jedoch die nötige politische Expertise für Russland fehlte. Dem Institut wird vorgeworfen, es wolle das spezifische Profil der „Interdisziplinären Russlandstudien“ (IRS) zugunsten allgemeinerer Osteuropastudien abschwächen, was laut Studierenden die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Berliner Hochschulen gefährdet.  

Plant also das Institut eine strategische Abkehr von den Russlandstudien?  

Das Institut verneint: 

„Eine Änderung des Fokus des Studiengangs „Interdisziplinäre Russlandstudien“ steht derzeit nicht zur Debatte. Gleichzeitig reformiert das Institut regelmäßig die eigenen Studienprogramme, um ihre Attraktivität zu steigern. […] Laut Ausschreibung, die für die Arbeit der Auswahlkommission bindend ist, steht die Abdeckung der politikwissenschaftlichen Module im Studiengang „Interdisziplinäre Russlandstudien im Mittelpunkt der Aufgaben des/der künftigen Stelleninhabers/Stelleninhaberin.” 

Für die Studierenden, die ihren Experten gerade verlieren können, ist das nur ein schwacher Trost. Der gesamte Vorgang hat für sie mehr als nur einen faden Beigeschmack.  

„Ein Schock“: Stanislav Klimovich im Interview mit der SpeakUP 

Dieser bittere Umstand trifft Klimovich selbst tief. Nicht die Befürchtung, dass das sein Vertrag wohl enden wird, sondern die Art und Weise, wie mit jemandem umgegangen wird, der den Studiengang IRS nachhaltig geprägt hat.  

Im exklusiven Gespräch mit SpeakUP erklärt er: „Das ist nicht meine erste Bewerbung im Leben gewesen. Ich kann mit Absagen sehr gut umgehen, aber in diesem gesamten Komplex, kann ich diese Situation nicht akzeptieren.“ Trotz positiven Gefühls aus dem Auswahlgespräch und vollen Seminaren, besteht auch bei ihm das Gefühl übergangen worden zu sein. Als die inoffizielle Benachrichtigung im Januar kam, sei das für ihn „einfach ein Schock“ gewesen. 

Trotz voller Seminare und bester Evaluierungen sieht er die bürokratischen Prozesse als überholt. „Eine Uni kann 2026 nicht gegen die Studierenden arbeiten. Wir sind nicht mehr in den 70ern.“, sagt er in aller Deutlichkeit. Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass die Universität kein Wunschkonzert ist. Was er jedoch fordert, ist transparente Kommunikation statt Entscheidungen hinter verschlossenen Türen. „Denn diese schafft Vertrauen und Nachvollziehbarkeit. Wir können auch unterschiedliche Meinungen haben […] aber trotzdem ist es ein Safe Space für genau solche Sachen“, betont er. 

Sein Credo: „Natürlich habe ich mehr Wissen als meine Studierenden. Aber die Frage ist, wie man mit diesem Wissen umgeht. Ein Gespräch auf Augenhöhe ist das Mindeste.“ Diesen Ansatz verfolge er in seinen Kursen und das gleiche Vorgehen hätte er von der Uni erwartet. Seiner Meinung nach bewegt sich das Institut nicht in eine falsche Richtung. Im Gegenteil, aber „die Uni muss die Bereitschaft zeigen den Mitgestaltungsraum zu vergrößern“, um studentische Stimmen in Entscheidungen einfließen zu lassen. Gerade unter dergesamtgesellschaftlichen Stimmung ist es wichtiger, denn je Zusammenhalt zu fördern.  „Ansonsten können wir nur verlieren!“  

Zum Ende des Interviews zeigt er sich noch einmal kämpferisch. Auf die Frage nach seinem Best-Case-Szenario antwortet er glasklar: „Ab dem 01.04.2026 halte ich meine Seminare wie immer. Es wird für mich keinen letzten Tag geben. Es muss aufgrund der großen Unterstützung ein Weg gefunden werden.“  

Dass die Studierenden für ihn auf die Straße gegangen sind, verarbeitet er auf seiner ganz eigenen Art: „Das ist eine ganz neue Erfahrung. Das ist einfach überwältigend und ich hätte mir niemals vorstellen können, dass jemand jemals eine Demo für mich organisiert. Das ist eine großartige Sache.“ 

Könnte ein möglicher Widerspruch den Prozess noch einmal aufrollen und den erhofften Erfolg bringen oder wird das Institut für Slavistik sein „tragendes Herz“ verlieren? Das wird sich spätestens zum neuen Semester zeigen. Bis dahin müssen sich die Studierenden aber noch gedulden, wer anstelle von Klimovich die Hörsäle füllen wird. Doch lautlos, das hat dieser Wintertag gezeigt, werden sie diese Entscheidung nicht hinnehmen. Der Kampf geht weiter …  

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