Social Media nur für Erwachsene – ist das dann noch sozial?

Social Media nur für Erwachsene – ist das dann noch sozial?

Ein Beitrag von Meret Busch

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Deutschland folgt der globalen Welle und streitet über ein Social Media- Verbot für Kinder und Jugendliche. Dabei zeichnet sich selten so viel Einigkeit ab. Während Sicherheitsbedenken und Jugendschutz auf Teilhabe und Datensicherheit prallen, bleibt doch eine Frage weitestgehend unbeantwortet: Ist das dann noch sozial? Ein Kommentar aus der SpeakUp-Redaktion.

Einigkeit ist etwas, dem man in der Politik selten begegnet, vor allem zu Zeiten, in denen immerzu von Polarisierung die Rede ist. Doch ausgerechnet beim Thema Social Media, das lange in den politischen Reihen Deutschlands noch nicht einmal ernst genommen wurde – 
„Wie hieß noch gleich dieses TikTak?“ –, sondern lediglich als apolitische Spielwiese für tanzende Kids belächelt wurde, herrscht bei einem möglichen Verbot nun plötzlich parteiübergreifende Harmonie. Und das gerade in einem Punkt, in dem sich die politischen Lager am liebsten gegenseitig zum Vorwurf machen: Verbotspolitik.

Als TikTok Anfang 2025 in den USA für alle verboten wurde, hielt das neue Verbot nur einen Tag lang und es ging den Gesetzgebern wohl auch weniger um Social Media an sich, als um politische Bedenken gegenüber dem chinesischen Mutterkonzern ByteDance. Das Bekämpfen von strafbaren Inhalten, Desinformationskampagnen und die Umsetzung von strengen Datenschutzrichtlinien war in Sachen Social Media lange Zeit der Hauptfokus der Politik, wie er sich auch in der EU im Digital Services Act, oder in wiederkehrenden Strafzahlungen von TikTok und Co. in Millionenhöhe zeigte. Doch spätestens seitdem die australische Regierung Ende vergangenen Jahres ein generelles Social Media- Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren beschlossen hat, geht es politisch an die Substanz, denn es geht zum ersten Mal um Social Media an sich. Wer vor illegalen Inhalten schützen möchte, erlässt Gesetze, welche die Moderation und Strafverfolgung dieser Beiträge intensivieren. Wer aber Social Media gleich ganz verbietet – und wenn erstmal nur für eine besonders schützenswerte Gruppe, der glaubt, dass Social Media selbst das Problem ist und dass ihre Anatomie, ihr Design, ihre Rolle im Privatleben, wie auch im gesellschaftlichen Leben gefährlich sein könnten.

Nach Australien beschloss Anfang März auch Indonesien ein Social Media- Verbot für unter Sechzehnjährige. Das Britische Oberhaus ist dafür es den beiden Ländern gleichzutun, das Britische Unterhaus dagegen. Der indische Bundesstaat Karnataka, immerhin mit fast siebzig Millionen Einwohnern, plant ein ähnliches Verbot und auch in Nachbarländern Deutschlands wie beispielsweise in Österreich und Frankreich wird ein mögliches Social Media- Verbot derzeit heiß diskutiert.

In Deutschland beschloss die regierende CDU auf ihrem Parteitag im Februar, sich für ein Social Media-Verbot bis vierzehn Jahren einzusetzen und lenkte damit auf den Kurs ihrer Koalitionspartnerin SPD ein, die ein solches Verbot bereits zuvor in einem Impulspapier gefordert hatten.

Diese scheinbar weltweite Welle an Gesetzesinitiativen trifft aktuell zudem auf überraschend hohe Zustimmungswerte in der Gesellschaft: Hierzulande befürworten laut einer Umfrage des ZDF-Politbarometers 81 % der Befragten ein Social Media- Verbot für unter Vierzehnjährige. Die größte Zustimmung kommt dabei erstaunlicherweise von den 18- bis 34-Jährigen.
Gut möglich, dass der internationale Eifer und Umfragen, wie diese zur  plötzlichen politischen Harmonie führen und das Gefühl vermitteln, dass sich endlich einer vox populi angenommen wird. Diese muss jedoch über Jahre stumm gewesen sein, wo doch Social Media wahrlich schon lange kein Neuland mehr ist. Ironischerweise wirken die politischen Vorhaben, angetrieben von dieser internationalen Welle an Sympathie und Entschlossenheit, dabei selbst wie ein Social Media-Trend.

Social Media: Utopie einer vergangenen Jugend?

Von den ersten Textnachrichten auf MySpace über Zuckerbergs Erfolgsrezept Facebook, von den ersten Youtube-Videos aus dem Kinderzimmer über Tumblr, Instagram, Pinterest, Snapchat, Twitch hin zu viralen Tänzen, die mit TikTok die Welt erobern – Soziale Medien waren immer auch, oder vor allem junge Orte. Räume, der gelebten Jugendkultur, Ausdruck einer in der analogen Öffentlichkeit nur kaum gehörten Gruppe – ein Safespace.

Memes, die niemand mit mehr als zwanzig Rentenpunkten, Eigenheim und Lebensversicherung versteht und Jugendwörter, von denen nur das jüngste demografische Drittel Deutschlands ehrlich behaupten kann, sie nicht zum ersten Mal aus dem Mund Susanne Daubners in der Tagesschau gehört zu haben. Vielleicht ist das eine romantisierte Erinnerung an einen Ort, den es so nie gab. Ein klassischer Rückschaufehler, vielleicht aber auch die Sehnsucht nach der Idee, die Social Media einmal war: Die Vernetzung von Menschen aus allen Ecken der Welt, der offene Austausch, in dem jeder mit den einfachsten Mitteln zum Sender werden kann und die Demokratisierung der Öffentlichkeit.

Ist diese Idee heute tot? Begraben unter Fake-News, Hate-Speech und Brain-Rot? Können Social Media das noch sein, wenn eine ganze Generation von ihnen ausgeschlossen wird?

Das neue Opium fürs Volk?

Tatsächlich haben die Online-Netzwerke in der Realität möglicherweise ebenso zu einer Medialisierung des Privaten wie zu einer Öffnung der Öffentlichkeit beigetragen. Influencer, die den idealen Lifestyle, den idealen Körper, die ideale Morgenroutine – kurzum den idealen Privatmenschen verkaufen – und das ironischerweise hauptberuflich. Jugendliche, die fast die Hälfte ihres täglichen Wachzustandes online in einer Art Trance verbringen, in der ihre körperliche Anwesenheit nur noch nebensächlich geworden ist und Kinder, die um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern mit einem Telekommunikationsgerät konkurrieren.

Darauf, dass Social Media süchtig machen kann, deuten mittlerweile weitreichende Forschungsergebnisse hin. Langzeitfolgen eines Übermäßigen Social Media-Konsums können dagegen noch nicht endgültig abgeschätzt werden, dafür ist die Forschung in diesem Bereich noch zu jung.

Ebenso wie die meisten Betroffenen einer Social Media-Sucht, soweit man diese nach dem aktuellen Forschungsstand ausmachen kann, eine eigene Diagnose bildet sie aktuell noch nicht. Laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum und des Deutschen Zentrums für psychische Gesundheit zeigten gut die Hälfte der unter Zwanzigjährigen ausgeprägte suchtartige Symptome in Bezug auf ihren Social Media-Konsum. Befragt wurden hier jedoch nur Erwachsene. Den Medienkonsum von Kindern untersuchte eine frühere Studie der Krankenkasse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Diese kam zu dem Schluss, dass mehr als ein Viertel der Zehn- bis Siebzehnjährigen einen riskanten oder krankhaften Medienkonsum pflegten.

Neben den mentalen und körperlichen Problemen, die eine Mediensucht auslösen kann, besteht das größte Problem der exzessiven Social Media-Nutzung wohl in der Verdrängung anderer Tätigkeiten. So können beispielsweise soziale Beziehungen oder Hobbies wie Sport vernachlässigt werden. Denn auch  Bewegungsmangel und Folgen wie Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen steigen in Deutschland seit Jahren ungebremst. Ebenso die Vereinsamung. Etwa fühlen sich nach den Ergebnissen einer Vodafone-Studie aus diesem Jahr mittlerweile die Hälfte der Jugendlichen zwischen vierzehn und zwanzig Jahren einsam oder gelegentlich einsam.

Dass Social Media also vermutlich weniger sozial ist, als die Bezeichnung vermuten lässt, sondern mehr den Platz einer visuellen Droge einnimmt, dürften die Meisten wohl schon länger geahnt haben. So erklären sich dann auch die überwältigenden Zustimmungswerte zu den Vorstößen der Regierung, Social Media in Teilen zu verbieten.

Aber verbieten? Geben wir da nicht vielleicht an der falschen Stelle nach?

Doom-Scrolling und Filterblasen – Misery by design

Denn eins sollte doch in der Debatte nicht vergessen werden: Das alles ist kein Zufall, sondern explizit gewollt. Social Media-Plattformen enthalten suchtfördernde Designs, um die Nutzer möglichst lange auf der Seite zu halten und sozial-isolierende Algorithmen, die uns nur Inhalten anzeigen, von denen von vornherein klar ist, dass sie uns gefallen. Es sind die For-You-Pages, die sich bis in die Unendlichkeit scrollen lassen, Autoplays, Sicherheitslücken und miserable Content-Moderationen, die Social Media gefährlich machen und zwar für alle.

Alles Designs, die sich verändern, beziehungsweise verbieten lassen. Wo war da die Debatte, muss auch hier zuerst Australien einen Trend setzen?

Das Aufwachsen von Kindern zu eigenständigen Mitgliedern der Gesellschaft ist schließlich ein organischer Prozess, in dem sie früher oder später auch auf soziale Medien stoßen werden. Eine scharfe Altersgrenze würde Kinder und Jugendliche auch von den eigenen Peers trennen und ihren Zugang zur Gesellschaft, die – das müssen wir uns wohl eingestehen- , heutzutage zum großen Teil online stattfindet, stark beschneiden. Jedenfalls wäre es da in einer liberalen Demokratie nur angebracht, alternative Lösungen der offensichtlichen und schweren Probleme der aktuellen Social Media-Plattformen, wenigstens in Betracht zu ziehen. Eines jedenfalls sollte sicher sein: Man nimmt nicht die Social Media-Anbieter in die Pflicht, wenn man vor ihnen das Feld räumt.

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