ADHS im Studium – Wie es funktionieren kann

ADHS im Studium – Wie es funktionieren kann

Ein Beitrag von Shannon Bohacz

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Zu Beginn eines neuen Semesters müssen alle Student:innen erstmal wieder in den Lernalltag hineinfinden, und das ist sicherlich für niemanden wirklich einfach. Ich muss aber gestehen, dass in den ersten Semestern meines Studiums, der Semesterbeginn nicht nur stressig war, sondern geradezu Angstgefühle in mir ausgelöst hat. Ich hatte oft förmlich das Gefühl im selbstverschuldeten Chaos zu ertrinken. 

Ich habe das zweischneidige Privileg als Grundschülerin mit ADHS diagnostiziert worden zu sein. Deshalb kannte ich zu Beginn meines Studiums schon viele Hilfsstellen, an die man sich wenden kann und ich hatte außerdem ein gutes Repertoire an Entspannungstechniken und Konzentrationshilfen zur Verfügung. Trotzdem fiel es mir schwer, das alles im Studi-Alltag richtig anzuwenden. Die Organisation des Lernalltags, das Einhalten von Abgabeterminen und sich zum Lernen zu motivieren sind einige der Kernprobleme, die Student:innen mit ADHS bewältigen müssen.  Natürlich kann kein einzelner Artikel mit ein paar Tipps diese Probleme auf einen Schlag lösen. Aber vielleicht ist es ein Lichtblick zu wissen, dass man an all dem arbeiten kann, und vor allem nicht alleine mit all den Gefühlen, dem Frust, dem Scham und der Erschöpfung, die Personen mit ADHS oft begleiten, ist.

Diagnose

Grundsätzlich können nicht nur Psychiater:innen, sondern auch Therapeut:innen eine ADHS-Diagnose vornehmen. Das wird auch immer von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Natürlich ist es aber nicht ganz einfach, überhaupt einen Therapieplatz dafür zu finden. Deshalb gibt es unten dazu noch ein paar Tipps. 

Wenn ihr auf der Kippe steht, ob eine Diagnose überhaupt zutrifft oder ob sich eine Diagnose lohnt, ist es am besten mit jemanden der, die Diagnose hat, darüber zu sprechen. Die meisten von uns haben genau wie ihr Pro und Kontra abgewogen. Darüber hinaus können wir auch erklären, ob und wie uns die Behandlung hilft, für die eine Diagnose Voraussetzung ist. 

Medikation?

Als nächstes möchte ich ein Thema, welches mitunter immer noch kontrovers diskutiert wird, ansprechen: ADHS Medikamente, ja oder nein? Ich habe erstmals während des Studiums, vor zwei Jahren ADHS Medikamente verschrieben bekommen. Mir persönlich haben sie sehr geholfen. Ich besuche Vorlesungen regelmäßiger und verbringe auf einmal gerne Zeit in der Bib. Außerdem habe ich seid dem auch keinen Abgabetermin für Hausarbeiten verpasst. 

Ich würde jedem, der die Möglichkeit hat, ans Herz legen, auszuprobieren, ob die auf dem deutschen Markt verfügbaren Medikamente helfen. Jedoch ist es auch verständlich Vorbehalte zu haben, da die unterschiedlichen Medikamente auch verschiedene Nebenwirkungen haben können. Die Dosis und der Wirkstoff die einem helfen können sind sehr individuell, und oft nur durch trial and error festzustellen. 

Therapie und andere Hilfsmittel

Therapie ist mit und ohne Medikamente der beste Weg, auch langfristig Unterstützung zu bekommen. Natürlich ist es am effektivsten, bei eine:r Spezialist:in unterzukommen oder auch bei anderen Stellen eine Verhaltenstherapie anzufangen. Jedoch ist es bekanntermaßen schwierig,   überhaupt einen Termin zum Erstgespräch zu bekommen, und fast unmöglich ohne astronomische Wartezeiten einen Platz bei Spezialist:innen zu sichern. 

Ich habe ursprünglich zur Überbrückung ein Erstgespräch bei einer Therapeut:in mit einem ganz anderen Schwerpunkt angenommen. Obwohl ich immer noch auf Wartelisten für mehrere Praxen stehe, die sich auf ADHS im Erwachsenenalter spezialisieren, hat mir die Gesprächstherapie schon mal sehr geholfen. Besonders bei Ängsten, Selbstzweifel und Leistungsdruck, hilft es, mit einer qualifizierten Person darüber sprechen zu können. Es ist also immer einen Versuch wert über die Terminservicestelle der kassenärztlichen Vereinigung oder andere Stellen überhaupt ein Erstgespräch zu suchen. 

Eine weitere Möglichkeit ist die Psychotherapie bei einer Lehrambulanz. Das sind meist Therapieangebote bei Master Student:innen die noch in der psychotherapeutischen Ausbildung sind. In Potsdam gibt es beispielsweise die Psychologisch-Psychotherapeutische Ambulanz der Universität Potsdam. In Berlin werden aber von unterschiedlichen Universitäten ähnliche Angebote bereitgestellt. Bei akuten Krisen ist es natürlich nicht ratsam Wochen oder Monate auf ein Erstgespräch zu warten. Dafür hat das Studierendenwerk eine Psychosoziale Beratungsstelle, und die Uni Potsdam bietet Termine zur Psychologischen Beratung an. Bei diesen Anlaufstellen bekommt man insbesondere mit Depressionen und Angstgefühlen Hilfe. Falls ihr mehr zur Therapieplatzsuche wissen wollt: Siehe unseren Artikel „How to Therapieplatzssuche“. 

An der Uni Potsdam wird außerdem im Rahmen von „MAdS“ (Mit ADHS durchs Studium) ein Forschungsprojekt angeboten, das Student:innen mit ADHS beraten und ihnen langfristig helfen soll. In der „ADHS-Gruppe“ können sich Student:innen über ihre Erfahrungen austauschen und Beratung zu Problemen im Studienalltag bekommen. 

Zurzeit findet zum Semesterbeginn an der Uni Potsdam auch eine Vortragsreihe „Mit ADHS durchs Studium“ statt, welche Möglichkeiten zur Vernetzung und Perspektiven bieten soll. 

Um besonders zu Beginn des Studiums nicht sofort bei allen Klausuren hinterher zu fallen, sollte man sich überlegen einen Nachteilsausgleich zu beantragen. Die Maßnahmen, die durch einen Nachteilsausgleich vorgenommen werden können, sind unterschiedlich. Sehr üblich ist es jedoch bei Klausuren eine verlängerte Schreibzeit zugesprochen zu bekommen, und die Klausur in einem gesonderten Raum zu schreiben. Ansprechpartner sind dafür der Studienausschuss eurer Fakultät oder eures Faches, die Beauftragte für Studierende mit Behinderung oder auch die psychologische Beratung der Uni Potsdam. 

Selbsthilfe

All diese Stellen sind dazu da euch dabei zu unterstützen, Techniken und Abläufe zu erlernen, die euch den Alltag erleichtern. Es ist nicht einfach das allein zu machen, weshalb es auf jeden Fall einen Versuch wert ist, sich professionelle Hilfe zu suchen. Zusätzlich gibt es aber zahlreiche Bücher und Quellen im Internet, welche Ressourcen vermitteln, die erstmal helfen können. Ich habe viele hilfreiche Tipps zuerst im Internet gelernt, bevor ich im Rahmen meiner Therapie auf sie gestoßen bin. 

Wenn ihr selbst recherchiert, ist es sinnvoll, vor allem anderen Betroffenen mit ADHS zu zuhören. Denn Themen wie Organisation im Alltag oder Energie und Motivation beim Lernen funktionieren für uns ganz anders als für Menschen ohne ADHS. Ich bin beispielsweise sicherlich nicht die Einzige, der andauernd empfohlen, wird ein Planer zu benutzen und To-Do Listen zu schreiben. Ich schaffe das jedes Mal ungefähr zwei Tage bevor ich wochenlang vergesse das mein Planer überhaupt existiert. Natürlich funktioniert für jede:n etwas anderes, aber meine Organisation klappt zurzeit recht erfolgreich, durch ein System farbiger Klebezettel überall in meiner Wohnung und Notizen in meinem Telefon an die mich mehrere Wecker pro Tag erinnern. Das ist natürlich nicht perfekt, aber genau das ist der Punkt. Wenn ihr es schafft für ein Problem in eurem Lernalltag eine, wenn auch unvollkommene, Lösung zu finden dann ist das bedeutend besser als noch unzählige Male den Planer zu vergessen. 

Ermutigung zum Schluss

Letztendlich ist es ein Prozess, sich nach und nach in den Alltag an der Uni einzufinden. Diesen Prozess macht jede:r durch, für Student:innen mit ADHS dauert er nur leider deutlich länger als für die meisten anderen. Am wichtigsten ist es sich nicht entmutigen zu lassen, und Verständnis und Mitgefühl für sich selbst zu haben. Es ist nicht schlimm, manchmal länger zu brauchen als Kommiliton:innen. Rückschläge passieren nicht nur euch und sind nichts für das man sich schämen muss.

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