„Und nein, ich war nie anti-alles, ich war immer anti-ihr. Doch hab schon lange angefang’n mich mit Dingen zu arrangier’n. Und genau das wollte ich nie, ich bin schon viel zu lange hier. Ich muss hier weg, denn ansonsten werde ich irgendwann wie ihr“
Mit diesen Zeilen von Kraftklubs „Schüsse in die Luft“ startete am Dienstag, den 25.11.2025 die „Demo gegen Rechts. Für Alle!“ am Alten Markt in Potsdam. Mit den Dingen arrangiert haben sich die Teilnehmenden hier nicht: Über 1000 Menschen zeigten auch bei eisigen Temperaturen klare Haltung gegen Rechtsextremismus.
Eingeladen dazu hatte ein breites Organisationsbündnis, neben den Jugendorganisationen der Grünen, der SPD und der CDU auch Gewerkschaften und überparteiliche Bündnisse für Demokratie. Anlass dafür war das Geheimtreffen rechter und rechtsradikaler Kreise in Potsdam im Jahr 2023, das sich am Dienstag zum zweiten Mal jährte.
Am 25.11.2023 hatten sich im nördlich von Potsdam gelegenen Landhaus Adlon AfD-Politiker und einzelne Mitglieder der CDU und der Werteunion mit Martin Sellner, dem früheren Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich, getroffen, um Pläne zur Migrationspolitik in Deutschland zu besprechen. Das Rechercheteam CORRECTIV deckte den Ablauf des Treffens im Anschluss auf. Für besonderes Aufsehen sorgten die weitreichenden Gedankenspiele, „die Ansiedlung von Ausländern rückabzuwickeln“, wie CORRECTIV Martin Sellner zitiert. Diese Rückabwicklung, oder „Remigration“, müsse dabei nicht nur Asylbewerber und Ausländer mit Bleiberecht, sondern auch „nicht assimilierte Staatsbürger“ betreffen. In Reaktion auf die Erkenntnisse der CORRECTIV-Recherche und die beim Treffen besprochenen „Remigrations“-Pläne gingen Anfang 2024 Hunderttausende auf die Straße.
Nun, da sich das Treffen zum zweiten Mal jährte, hieß es für viele Potsdamer:innen erneut, dagegen zu halten. „Bereits vor einem Jahr erinnerten wir an das Treffen und daran, dass der Faschismus nie zurückkommen darf. Seit dem hat sich leider wenig getan. Und deswegen gehen wir auch dieses Jahr wieder auf die Straße!“ schreiben Grüne Jugend, Jusos und Junge Union im Demonstrationsaufruf auf Instagram.
Ein besonders präsentes Thema für die Redner:innen war die Diskursverschiebung, die in den letzten zwei Jahren stattgefunden habe. So betonte Jutta Michelsen von den „Omas gegen Rechts“: „Was dort im Geheimen besprochen wurde, wird mittlerweile längst öffentlich gesagt. […] Längst geht es nicht mehr nur um Wahlerfolge, es geht um einen Systemwechsel, der mittels eines Kulturkampfes vorbereitet werden soll.“ Auch die Grüne Jugend kritisierte die Rhetorik, die sich unter anderem seit dem Geheimtreffen weiter etabliere. „Es ist immer derselbe Dreisprung: Erst wird rassistisch gedacht, dann kommt die rassistische Sprache dazu und am Ende ist die rassistische Tat nur noch ein weiterer Schritt,“ meint Landelin, der Sprecher der Grünen Jugend Brandenburg.
Die neue Oberbürgermeisterin Noosha Aubel sieht Lösungswege daher gerade im Alltag: „Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie lebt von Menschen, die widersprechen, die für andere einstehen und die sich nicht wegducken. [..] Demokratie verteidigt man nicht nur auf Plätzen, sondern im Alltag: am Arbeitsplatz, in der Schule, in Behörden, am Küchentisch und im Netz. Jede und jeder trägt Verantwortung.“
Doch auch die eigenen Parteien ernteten Kritik aus den Jugendorganisationen. „Letztes Jahr stand ich hier und habe versprochen, dass meine Junge Union zur Brandmauer steht und diese verteidigen wird. Das verspreche ich weiterhin. Und an meine Parteifreunde muss ich einfach Mal sagen: Ich bin es leid, die Debatte über die Brandmauer ständig neu zu diskutieren,“ hieß es beispielsweise im Redebeitrag der Jungen Union. Und auch im Bezug auf den vergangenen Bürgermeisterwahlkampf stellte Ilias von den Jusos Potsdam klar: „ ‚Grüne Experimente‘ war beschämend […], weil es das Gegenteil von dem war, wofür wir heute hier stehen.“
Auch zur Debatte um Friedrich Merz‘ Aussage zum „Stadtbild“ wurde der Bogen geschlagen: „Selbst der Bundeskanzler spricht von […] einem Problem im Stadtbild und übernimmt dabei die Sprache der AfD,“ beklagte Marie von den Jusos.
Die Veranstaltenden äußerten aber auch ganz konkrete Wünsche an die Politik.
So wünscht sich Silke vom Bündnis für Demokratie im Potsdamer Norden mehr Strukturen wie Bürgerhäuser, um demokratische Initiativen zu fördern. Vom Land erhoffen sich die Eltern gegen Rechts und die Teachers for Future außerdem mehr Rückendeckung. Dabei geht es Ihnen um klare Leitlinien, Rechtssicherheit und Unterstützungsstrukturen für Lehrkräfte, die gegen antidemokratische Tendenzen ankämpfen. Unterstützung genau für die Menschen, die sich eben auch im Alltag nicht nur mit den Dingen arrangieren.

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