Seit einigen Wochen steht sie im Raum: Die Anwesenheitspflicht für Seminare. Kommt sie, kommt sie nicht? Einige Studierende haben da eine klare Meinung; warum sie gegen eine Einführung von Anwesenheitspflichten sind, erklären sie uns auf einer Kundgebung am Neuen Palais.
Eigentlich würde gleich der dritte Seminarblock beginnen, doch anstatt sich langsam in Hörsälen und Seminarräumen einzufinden, versammelt sich eine Gruppe von Studierenden auf dem Campus am Neuen Palais vor Haus 9. Hier soll sich gegen 14.15 Uhr der Senat der Universität treffen und über einen Vorschlag der Humanwissenschaftlichen Fakultät entscheiden, der das Leben und die Pläne einiger der Anwesenden grundlegend verändern könnte. Ziel der Kundgebung ist es, ihren Unmut über den Vorschlag zur Erweiterung von Anwesenheitspflichten und dem Vorgehen der Universität zu teilen.
Mehr Anwesenheitspflicht in Potsdam – kontroverser Vorschlag der Humanwissenschaftlichen Fakultät
Anfang Oktober hatte die Humanwissenschaftliche Fakultät den Vorschlag gemacht, die Möglichkeit Anwesenheitspflichten einzuführen, auch für Seminare zu schaffen. Damit sollte der Artikel §5a der Rahmenvorschriften für Bachelor- und Masterstudiengänge geändert werden, der bislang solche Anwesenheitspflichten nur für Sprachkurse, praktische Übungen, Exkursionen, forschungsorientierte Seminare mit maximal 25 Teilnehmenden, Praktika und Veranstaltungen, welche Dritte, wie zum Beispiel Schüler und Schülerinnen einbeziehen, vorsah. Wenn es nach der Humanwissenschaftlichen Fakultät ginge, soll eine Anwesenheitspflicht „in begründeten Ausnahmefällen“ nun auch für sonstige Seminare verhängt werden dürfen.
AStA der Uni Potsdam sieht Vorschlag kritisch
Schon Ende Oktober veröffentlichte der AstA eine kritische Stellungnahme zum Vorstoß in Sachen Anwesenheitspflicht und wies die Idee als drohenden Rückschlag für die Inklusion an der Universität ab. Wörtlich heißt es: „[Es] gibt (…) für fehlende Anwesenheit vielfältige Gründe, die von behinderungsbedingten, gesundheitlichen, familiären und finanziellen Belastungen bis hin zu Qualität der Lehre reichen können. (…) Das Ziel sollte nicht sein, dass Barrierefreiheit auf Antrag Einzelner erkämpft werden muss. Vielmehr muss sie strukturell sichergestellt werden.“
Care-Arbeit und Studium: Wenn man plötzlich für andere da sein muss – und nicht im Seminarraum
Weil auf die Kritik der Studierenden wenig Dialog folgte, rief der AStA am Donnerstag, 20. November zu einer Demonstration gegen weitere Anwesenheitspflichten in Seminaren auf. Dem Aufruf, der über Social Media und Aushänge geteilt wurde, waren etwa 60 bis 70 Studierende gefolgt, darunter auch eine Mutter mit ihrem Kind: Am Kinderwagen hängt ein Pappschild mit der Aufschrift „Ich bin der Grund, warum Mama nicht immer anwesend sein kann“, symbolisch dafür, dass Studierende neben dem Studium auch noch andere Rollen einnehmen und Verantwortung für andere übernehmen – und das nicht immer planbar. Der AStA schreibt dazu in seinem öffentlichen Statement zu einer Erweiterung der Anwesenheitspflichten: „Die Universität Potsdam bewirbt sich selbst zwar als familienfreundliche Hochschule – aufgrund von fehlender Kinderbetreuung am Campus und unflexiblen Lehrzeiten ist für Studierende mit Care-Aufgaben eine regelmäßige Präsenz-Teilnahme jedoch stark erschwert.“ Für Studierende, aber auch Mitarbeitende der Hochschule gibt es einen Betriebskindergarten mit insgesamt 110 Plätzen. Für kurzzeitige, aber planbare Betreuungsbedarfs kann auch eine individuelle Kinderbetreuung direkt am Campus vereinbart werden, Studierende erhalten dafür einen Kostenzuschuss.
Anwesenheit – eine Frage des Kontostandes
Auch Studierende, die sich ein Vollzeitstudium ohne einen oder mehrere Nebenjob(s) nicht leisten können, hätten meist nur wenig zeitlichen Spielraum, schreibt der AStA in seiner Stellungnahme, sodass starre Anwesenheitspflichten soziale Ungleichheiten weiter vertiefen würden.
„Mit einer Anwesenheitspflicht würde das Studium für mich wohl noch länger dauern“ – Wenn der Körper nicht so wie der Stundenplan will
Noch weniger einplanen und manövrieren lassen sich Ausfälle durch chronische Krankheiten oder Hürden, die mit Behinderungen einhergehen. Auch für neurodiverse Studierende ist manchmal die Anwesenheit selbst eine Herausforderung, das kennt auch Zeraphine, die Psychologie an der Humanwissenschaftlichen Fakultät studiert. „Ich bin selbst Studentin mit Autismus und ADHS und das ist schon schwer genug“, erzählt sie auf der Kundgebung am Neuen Palais, „Mit einer Anwesenheitspflicht würde das Studium für mich wohl noch länger dauern.“ Ähnlich würde es auch vielen anderen Studierenden gehen, sagt sie. Auf einen Post des AStAs hätte es viele Rückmeldungen von Betroffenen gegeben, manche, sagt Zeraphine, könnten mit einer Anwesenheitspflicht wohl gar nicht mehr studieren.
“Gar nicht so leicht, einen Nachteilsausgleich zu kriegen”
„Ich bin ziemlich aktiv im Anti-Ableismus und sehe deswegen vor allem, dass es für behinderte und chronisch erkrankte Studierende ein großes Problem ist“, erklärt Jojo auf der Demo. Jojo studiert an der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät. „Da habe ich auch genug Leute in meinem Umfeld, die durchaus spontan ausfallen können. Zum Beispiel durch chronische Erkrankungen, die mit Schwankungen einhergehen, die man auch schlecht vorhersehen kann.“ Die Dozierenden würden meist mit der Möglichkeit von Nachteilsausgleichen argumentieren, „das ist aber gar nicht so leicht, einen Nachteilsausgleich zu kriegen, erst recht für chronische Erkrankungen. Da werden einige Erkrankungen leider nicht von den Prüfungsausschüssen anerkannt, trotz ärztlichen Statements.“ Außerdem würde der Weg über die Nachteilsausgleiche die Verantwortung wieder auf die Individuen verschieben, die sowieso schon mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung im Alltag klarkommen müssten, meint Jojo.
Anwesenheitspflicht: keine Lösung für “mittelmäßige bis schlechte Lehre”
Neben körperlichen Einschränkungen oder Care-Arbeit gäbe es aber auch ein Problem mit der Lehre an sich, finden einige Studierende: „Ich glaube, das grundlegende Problem dahinter ist, dass viele Seminare einfach nicht so gut konzipiert sind und man das ausgleichen möchte, indem man einfach sagt >> ihr müsst ja trotzdem kommen<<. Ich glaube, dieses Problem, dass wir auch uni-weit eher mittelmäßige bis schlechte Lehre machen, können wir dadurch nicht ausgleichen. Man müsste vielleicht eher dafür sorgen, dass die Lehrqualität steigt“, meint Ticia, die sich auf der Demo gegen weitere Anwesenheitspflichten laut macht.
Dass die reine Anwesenheit an Lehrveranstaltungen nicht immer förderlich ist, denkt auch das Orga-Team der Kundgebung. „Es gibt Veranstaltungen, in denen man sitzt und man lernt da Nichts. Jeder Mensch ist ein anderer Lerntyp, jeder Mensch ist individuell“, sagt die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim AStA, „die Menschen, die sagen sie lernen mit den Veranstaltungen, die werden auch hingehen und die damit nichts anfangen können, werden dasitzen und werden sich langweilen. Das bringt am Ende auch dem Dozenten nichts.“
“Ich finde es empörend” – Studierende bemängeln fehlende Beteiligung
Scharfe Worte finden die Demonstrierenden auch für den Umgang der Universität mit der Anwesenheitspflicht-Debatte, ganz unabhängig vom Ergebnis der Senatssitzung. Der Meinungsaustausch, so lautet der Vorwurf der Demonstrierenden, sei explizit verhindert worden. „Ich finde es empörend, dass die Uni all diese [Beteiligungs-]Strukturen eingebaut hat und wir uns darin engagieren sollen, aber sobald wir tatsächlich alle gesammelt der Meinung sind, dass etwas nicht gut ist, wird es trotzdem über unsere Köpfe hinweg entschieden“, erzählt Sophia. Ähnlich denkt auch Jojo: „Wir hoffen uns mit unseren Stellungnahmen und auch diesem Protest vor Haus 9 einfach Gehör zu verschaffen, welches wir durch die eigentlich angedachten demokratischen Gremien nicht bekommen haben – wo wir als Statusgruppe der Studierenden einfach unterrepräsentiert sind und nicht gehört werden.“
Auswirkungen einer möglichen Anwesenheitspflicht noch ungewiss
Für den AStA und die Studierenden auf der Demo ist klar, dass eine Anwesenheitspflicht nichts an den strukturellen Hürden eines Studiums verändern würde und somit für viele Studierende den (Uni-)Alltag weiter erschweren könnte. Dabei können sie den grundsätzlichen Wunsch nach mehr Beteiligung in Seminaren verstehen, wünschen sich jedoch weiterhin Flexibilität und Vereinbarkeit mit ihren individuellen Bedürfnissen. Vielleicht ermahnen einige von ihnen auch zurecht, dass eine schlechte Anwesenheitsquote auch ein Zeichen von schlechter Lehre sein könnte. Die Universität könnte dies als einen Aufruf verstehen, Seminare nochmal ganz generell genauer unter die Lupe zu nehmen – ob mit oder ohne Anwesenheitspflicht.
Jedoch bleiben die Auswirkungen einer möglichen Änderung der Rahmenvorschriften für Bachelor- und Masterstudiengänge noch ungewiss – denn für wie viele Seminare dann tatsächlich eine Anwesenheitspflicht gelten würde, ist unklar. Schließlich soll sie weiterhin lediglich in “begründeten Ausnahmefällen” verhängt werden dürfen. Was so ein “begründeter Ausnahmefall” ist, bleibt letztendlich Auslegungssache und sicherlich Grundlage diverser zukünftiger Debatten.

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