Vertragsarbeiter in der DDR – Erinnerungen und Perspektiven aus Mosambik und Angola

Vertragsarbeiter in der DDR – Erinnerungen und Perspektiven aus Mosambik und Angola

Ein Beitrag von Shannon Bohacz

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Die deutsche Geschichte hat zahlreiche Schnittpunkte mit afrikanischer Geschichte. Die Auseinandersetzung damit kann allerdings nicht mit der den Kolonien und dem Kaiserreich aufhören. Die historische Verwicklung reicht weit darüber hinaus. Im MINSK – Kunsthaus in Potsdam fand ein Gespräch mit Lesung zum Thema „Vertragsarbeit in der DDR – Erinnerungen und Perspektiven aus Mosambik und Angola“ statt, in dessen Mittelpunkt die Geschichten von afrikanischen Vertragsarbeiter:innen in der DDR standen. (https://dasminsk.de/kalender/7834/vertragsarbeit_in_der_ddr)

„Madgermanes“

In einem Lesungsformat vermittelte zunächst Birgit Weyhe mit ihrem Comicbuch „Madgermanes“ (https://birgit-weyhe.de/madgermanes/) einen emotionalen Einblick in die Erinnerungen ehemaliger Vertragsarbeiter:innen aus Mosambik. Die Figuren ihrer Comics sind fiktiv, basieren aber auf Menschen mit denen Weyhe Interviews führte. Ihr Buch untersucht, wie unterschiedlich Erinnerungen von den Menschen verarbeitet werden.

Ihre Comics erzählen vom Ankommen und Leben in der DDR und den Hoffnungen und Wünschen von jungen Vertragsarbeiter:innen, welche oft geprägt vom Bürgerkrieg, der von 1977 bis 1992 in Mosambik andauerte, nach Deutschland kamen.

Das Leben in den Wohnheimen und der Arbeitsalltag wird sehr anschaulich beschrieben, aber auch wie die Menschen aus dieser vom Staat vorgeschriebenen Routine ausbrechen. Besonders einfühlsam werden auch die Erfahrungen von Alltagsrassimus in der DDR und dem Rassismus der Nachwendezeit berichtet.

„Von Luanda und Maputo nach Ost-Berlin“

Marcia Schenk stellte ihr Buch „Von Luanda und Maputo nach Ost-Berlin“ (https://www.aufbau-verlage.de/ch-links-verlag/von-luanda-und-maputo-nach-ost-berlin/978-3-96289-231-9) in einem Gespräch mit Elisabeth Nechutnys vor. Schenk führte in Mosambik und Angola Interviews mit über 200 ehemaligen Vertragsarbeiter:innen. In ihrem Buch arbeitet sie die dadurch erschlossene „oral history“ auf.

In ihrem Buch gibt Schenk auch Einblicke in den Sozialismus in Afrika, wie sich Unterstützung von „sozialistischen Bruderstaaten“ in Europa von heutigen Entwicklungshilfen unterscheidet und wie beide letztendlich ihr Ziel verfehlen und die Menschen in den afrikanischen Partnerstaaten zurücklassen. Im englischen Titel ihres Buches spricht Schenk von „socialist mobilities“. Damit beschreibt sie eine Art sozialistische Globalisierung, welche unter anderem den Austausch von Arbeitskräften ermöglicht. Letztendlich blieb der Austausch aber ungleich. Das liegt nicht nur an zurückbehaltenen Löhnen. Die Vertragsarbeiter:innen sollten in der DDR zu Fachkräften ausgebildet werden, um ihren Heimatländern die Entwicklung und Industrialisierung voranzutreiben. Das ist aber weitgehend ausgeblieben.

Alltag in der DDR

Nechutnys und Schenk erläutern im Gespräch, das Leben der Vertragsarbeiter:innen in Deutschland und später nach ihrer Rückkehr in Mosambik. Es ging beispielsweise um Alltagsrassismus und Machtverhältnisse am Arbeitsplatz, zwischen den afrikanischen Vertragsarbeiter:innen und ihren fast immer weißen Ausbilder:innen.

Es wurde auch die staatliche Kontrolle thematisiert. In den Wohnheimen herrschten offiziell strenge Vorgaben: eine abendliche Ausgangssperre und feste Zeiten für zahlreiche Aktivitäten. In der Realität verloren diese Regeln jedoch schon nach kurzer Zeit an Bedeutung und wurden kaum noch beachtet. Gleichzeitig zeigte sich die Kontrolle auch im Arbeitsalltag, da die Vertragsarbeiter:innen ihren Beruf nicht selbst wählen konnten.

Im Kontrast dazu zeigte Schenk, unter anderem durch mitgebrachte Bilder, wie Freizeitgestaltung im Wohnheim aussah. Vertragsarbeiter:innen besuchten sich nicht nur gegenseitig in verschiedenen Städten, sondern nahmen auch am sozialen Leben außerhalb der Wohnheime teil. Dadurch entstanden oft außerhalb der staatlich vorgesehenen Begegnungsräume Freundschaften und Beziehungen. In der abschließenden Fragerunde berichteten sowohl Schenk als auch Weyhe, dass einige ihrer Interviewpartner Kinder und Ehepartner in Deutschland haben. Außerdem hielten viele Vertragsarbeiter:innen auch nach ihrer Rückkehr Kontakt zu Freunden und Ersatzfamilien wie der „Omi“ in Deutschland.

Rückkehr

Ab 1990 kehrten die Vertragsarbeiterinnen zunehmend nach Mosambik und Angola zurück. Schenk berichtet, dass das teils auch unfreiwillig geschah. Vertragarbeiter:innen mit fester Anstellung sei es erlaubt gewesen auch nach Ende das Programms in Deutschland zu bleiben. Viele sahen sich aber aus Angst vor rassistischen Übergriffen in den 1990er Jahren gezwungen in ihre Heimat zurückzukehren. Dort sei es oft nicht einfach gewesen feste Anstellung in einem Beruf und Anschluss zu finden.

Schenk begegnete bei ihren Besuchen in Maputo vielen ehemaligen Vertragsarbeiter:innen, die sich aufgrund solcher gemeinsamen Erfahrungen politisch zusammen organisieren. Eine zentrale Forderung ist die Zahlung von bis heute zurückgehaltenen Löhnen – in der DDR wurden Vertragsarbeiter:innen nur ein Teil ihrer Löhne ausgezahlt. Der restliche Anteil sollte nach ihrer Rückkehr nach Mosambik gezahlt werden. Das ist allerdings nur in Teilen und oft überhaupt nicht passiert. Die Bundesrepublik sieht sich nicht in der Verantwortung diese Löhne zu zahlen.

Für einige Teile des Publikums war es vielleicht überraschend, dass die Vertragsarbeiter:innen in Maputo zu gemeinsamen Protesten und Kundgebungen oft in „Deutschland“ T-Shirts mit Deutschland Flaggen erscheinen. Schenk berichtet, dass die Erinnerung an das Leben in der DDR auch durch positive Erinnerung und Nostalgie geprägt sei. Das bildet einen interessanten Vergleich und Kontext dazu, wie sich Bürger der ehemaligen DDR an diese Zeit erinnern.

Erinnerung und Aufarbeitung

Die Veranstaltung hinterlässt den Eindruck, dass Vertragsarbeit in der ehemaligen DDR zu wenig besprochen und noch zu wenig erforscht ist. In den letzten Jahren wurde sich zunehmend wissenschaftlich und gesellschaftlich mit dem Leben von Gastarbeiter:innen in der Bundesrepublik auseinandergesetzt. Dieses wichtige Thema sollte in ganz Deutschland durch Bewusstsein von Geschichten der Vertragsarbeiter:innen in der DDR ergänzt werden. Denn auch das ist durchaus in seinen Nachwirkungen ein gesamtdeutsches Thema.

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