Zwischen tosendem Applaus und Buhrufen ereignete sich am Sonntag, den 15. Februar ein aufregender Auftritt im AudiMax der Technischen Universität Berlin. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori empfing die international beliebte U.S amerikanische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez, kurz AOC.
Das erste Mal, dass ich von AOC hörte, war zur Präsidentschaftswahl 2017. Eine junge, überzeugte und politisch intelligente Frau mit Migrationshintergrund, die sich inmitten weißer Männer, wie ich später lernte auch innerhalb ihrer eigenen Partei, beweisen musste, um im November 2018 in das Repräsentantenhaus für den 14. Kongresswahlbezirk in New York einzuziehen. Politisch steht Alexandria Ocasio-Cortez für einen progressiven, sozialdemokratisch geprägten Kurs innerhalb der Demokratischen Partei und setzt sich besonders für Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und ein gerechteres Gesundheitssystem ein. Große Bekanntheit erlangte sie unter anderem durch ihre Mitinitiative am „Green New Deal“, der weitreichende Maßnahmen gegen den Klimawandel mit sozialpolitischen Reformen verbindet. Zudem gehört sie zu den jüngsten Frauen, die jemals in den US-Kongress gewählt wurden, und hat sich als einflussreiche Stimme des linken Parteiflügels etabliert. Die Begeisterung für ihre politische Arbeit war am Sonntag im ganzen Saal spürbar. Zu Beginn der Veranstaltung wurde jedoch deutlich, dass eine Parteizugehörigkeit mit sozialen Werten nicht ausreicht um von kritischen Rufen der Berliner Studierendenschaft verschont zu bleiben. Als Franziska Giffey, Berliner Bürgermeisterin und Wirtschaftssenatorin, das Podium bestieg, um eine Eingangsrede zu halten, ertönten laute Buhrufe durch den Saal. Auch wenn ihre Rede immer wieder für ein Kichern im Raum sorgte, waren ihre Kritiker zu hören.
Auf eine weitere Rede der Präsidentin der TU Berlin, Prof. Dr. Fatma Deniz, folgte eine anderthalbstündige Unterhaltung zwischen Isabel Cademartori und AOC, welche bei ihren Antworten jubelnd beklatscht wurde. Von der Bedeutung des Bad Bunny Auftritts zur Superbowl Halftime Show bis hin zum Klassenkampf in den USA wurde alles thematisiert.
Etwas, was mir während des ganzen Gesprächs auffiel war, wie unterschiedlich U.S. und deutsche Politiker:innen auftreten und antworten. Während deutsche Politiker:innen meist allumfassende Antworten geben, ohne dabei aktiv anzugreifen (außer den jeweiligen politischen Gegner) gab AOC fast jedes Mal eine prägnante Antwort, die man als Schlagzeile für einen Bericht hätte nutzen können.
Über eine Antwort der U.S.-Amerikanerin dachte ich noch nach der Veranstaltung nach: Auf die Frage, wie es sein konnte, dass Trump erneut gewählt wurde, nannte sie zuerst die polticalconditions und cultural conditions und ging dann deutlicher auf die material conditions ein. Sie erklärte, dass eine Kombination aus einem wachsendem BIP und der parallelen Stagnation in der Wirtschaftlichkeit der working class eine Grundlage für populistische Bewegungen schaffen würde.Sie erläutert, dass Populismus auf Mechanismen der Überlieferung basiert, also der Verbreitung der grundlegenden Ideologie, die entweder gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielt oder Klassenkonflikte sichtbar macht. Dabei unterscheidet Sie zwischen rechten und „wahren“ Populismus. Nach ihrer Definition ist der rechte Populismus der, bei dem die Rechten marginalisierte Gruppen als Sündenböcke der Probleme der Gesellschaft nutzen – in der Annahme, dass diese Gruppen geringere Chancen haben, sich zu organisieren und gegen die Vorwürfe zu wehren. Diese Strategie würde von den tatsächlichen Problemen ablenken. Dieser gängigen Definition würden wohl wenige Anwesende widersprechen. AOC schlägt eine andere Form der populistischen Bewegung vor: eine, die die Wahrheit erzählt und komplexe Probleme nicht hinter strategischen Sündenböcken verstecke. Diese Bewegung beziehe sich auf die gesellschaftliche Klasse. Dabei sei es wichtig nicht nur an der Seite der working class zu stehen, weil es das Richtige sei, sondern auch, weil es strategisch sei: „we are united by our class, and we won’t be dividied within our class“, äußert AOC und erhielt großen Applaus. Es handel sich bei der alternativen Form des Populismus nicht um die Konfrontation der Unterschiede, sondern um das Streben, die Eliten, die das amerikanischeSystem missbrauchen, zur Rechenschaft zu ziehen. Daraufhin nutze Sie Berlin und den Mauerfall1989 als positiv Beispiel um zu erläutern, wie der Zusammenhalt der Gesellschaft die Schrecken der Menschheit bekämpfen lässt.
Die Veranstaltung stand unter der Aufmachung „junge Menschen in der Politik“. Die Fragen von Isabel Cademartori bezogen sich auf die Fähigkeiten und Möglichkeiten junger Menschen aktiv zu werden. AOC zog dabei ein motivierendes Fazit: Die Macht junger Menschen dürfe nicht unterschätzt werden. Wir würden zwar in einer überwältigen Zeiten leben, jedoch sei diese mit Absicht so. Es gebe keine politische Handlung, die zu klein ist und keine Organisation, die zu unwichtig sei. Man brauche Vertrauen und Glauben in seine Überzeugungen.
Geschlossen wurde die Veranstaltung mit einer 30-minütigen Fragestunde aus dem Publikum. Unter Standing Ovation endete die Unterhaltung mit der U.S.-Politikerin am Abend.
Bildquellen
- : Chiara Starcke

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