Wird man als Mörder geboren? Über die Zusammenhänge von Persönlichkeiten, psychischen Störungen und Kriminalität

Wird man als Mörder geboren? Über die Zusammenhänge von Persönlichkeiten, psychischen Störungen und Kriminalität

Ein Beitrag von Cora Zabel & Leon Lerman

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“Wird man als Mörder geboren?” Diese Frage stand im Zentrum der Veranstaltung “Joker: „Als Mörder geboren?“ – Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit, psychischen Störungen und Kriminalität”, die am 27. Februar im Thalia Kino in Potsdam stattfand. Sie ist Teil der Reihe “Kopfkino: Psychoanalyse trifft Film”, die von Prof. Dr. Carina Remmers, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Health and Medical University in Potsdam, organisiert wird. Die Reihe ist eine Zusammenarbeit zwischen der Brandenburgischen Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie e.V. und dem Thalia Kino. 

Von Oktober bis April werden hier psychologische Assoziationen und Prozesse beleuchtet, die in berühmten Filmen, wie „Systemsprenger“ oder „Anatomie eines Falls“, diskutiert und durch Fachvorträge eingeordnet werden. Remmers lädt hierfür Expert:innen zum Thema auf das Podium ein, die vor Beginn des Films einen Kurzvortrag halten sowie durch eine kurze Podiumsdiskussion nach der Aufführung Fragen beantworten.

Am letzten Freitag war es nun wieder soweit: Anhand des Films „Joker“ (2019) ging es im fast ausgebuchten Saal vor rund 285 Besucher:innen um die Frage, ob Mörder als solche geboren werden. Diese Frage scheint vor allem die jüngere Generation zu interessieren, was angesichts der riesigen Beliebtheit von True-Crime-Podcasts und Serien wohl keine Überraschung sein dürfte. Spürbar gespannt war die Stimmung im Saal, als Prof. Dr. Remmers um 19.00 Uhr die Veranstaltung eröffnete und im vorbereiteten Zoom-Interview mit Dr. Sonja Etzler diskutierte. Dr. Sonja Etzler ist Leitende Psychologin (komm.) am Universitätsklinikum Freiburg mit dem Forschungsschwerpunkt der Rolle von Persönlichkeit in deviantem und kriminellem Verhalten. 

Kriminalität ist nicht monokausal

Etzler beschrieb, dass es für die verschiedenen Arten von Kriminalität nicht nur einen einzigen Grund gebe, sondern oft ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren zu kriminellen Verhalten führe. Wenn Kriminalität vorhergesagt werden soll, gäbe es Basisfaktoren, die darauf hindeuten könnten. Das ist: junges Alter, ein männliches Geschlecht und schlicht frühere Straftaten. „Wer früher schon mal straffällig war, für den ist die Wahrscheinlichkeit für spätere Straffälligkeit auch höher.“, so Etzler. Aber auch Persönlichkeitsmerkmale, wie eine geringere Selbstkontrolle und Empathie, steigerten das Risiko. 

Nicht nur die Persönlichkeit stelle jedoch den Auslöser für kriminelles Verhalten dar, erklärte Etzler, genauso relevant seien Entwicklungs- und Beziehungserfahrungen in der Kindheit. Kinder reagieren sehr feinfühlig auf die Bedürfnisse, Wünsche oder Emotionen ihrer Eltern: Sie lernen dadurch, diese Gefühle aufzunehmen und zu verarbeiten und lernen, wie sie mit diesen umgehen können, so Etzler. Wer jedoch bereits in der Kindheit Vernachlässigung und psychischen oder physischen Missbrauch erlebe, lerne nicht, die eigenen Gefühle zu regulieren und eignet sich oft Gewalt als Antwort an. Diese Erfahrungen bildeten die innere Welt eines Menschen, die bis ins Erwachsenenalter fortbesteht. Wenn es dann in aktuellen Lebensumständen, in sozialer Isolation, Armut, Arbeitslosigkeit oder konflikthaften Beziehungen zu einer Eskalation kommt, könne es zur Gewaltstraftat kommen. 

Diese Ausübung von Gewalt und Aggression diene dazu, ein Kontrollgefühl zurückzubekommen, das Selbstwertgefühl wiederherzustellen und dem eigenen Selbst eine Bedeutung zu geben. Deutlich beantwortet sie somit schließlich die Frage „Wird man als Mörder geboren?“: „Das ist ein klares Nein, niemand kommt mit einer kriminellen Persönlichkeit auf die Welt.“

Auch der Joker wurde nicht als Mörder geboren

Nachdem die Vorhänge vor der Leinwand aufgingen und der Film des Abends startete, wird schnell klar: Fast alle der von Etzler aufgeführten Merkmale, die dazu führten, dass Menschen kriminell werden, treffen auf die Figur des Jokers zu. Der als Clown arbeitende Außenseiter Arthur Fleck lebt mit seiner Mutter in einer kleinen heruntergekommenen Wohnung. Er ist Einzelgänger, pflegt keine zwischenmenschlichen Beziehungen. Es häufen sich Rückschläge in seinem Leben: Er wird überfallen, verprügelt, verliert seinen Job, seine psychologische Unterstützung bricht weg, es kommt zur Eskalation. Er kann seine Emotionen nicht mehr regulieren, wird gewalttätig und begeht mehrere Morde. Im Laufe des Films stellt sich heraus, dass seine Mutter eigentlich seine Adoptivmutter ist, die den kleinen Arthur als Kind zu sich nahm und ihn Missbrauch und Gewalt aussetzte, er erlitt unter anderem auch schwere Kopfverletzungen. Seine Adoptivmutter hatte jedoch selbst psychische Probleme, sie litt unter wahnhaften Psychosen und hatte eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Der Joker empfindet eine Unsichtbarkeit, fühlt sich nicht ernst genommen, meint alle Menschen seien furchtbar, und er sei ein Einzelgänger, der von der Gesellschaft im Stich gelassen wurde.

In der Nachbesprechung zum Film mit Dr. Julia Krebs, Chefärztin und Leiterin des Maßregelvollzugs in Berlin, bestätigten sich diese Beobachtungen: Durch die Biographie des Jokers – frühe Traumata, Misshandlung durch Bezugspersonen, einer schweren Kopfverletzung, psychischen Erkrankungen und akuten Eskalationen sammeln sich die Risikofaktoren für kriminelle Handlungen. Aber: Auch er wurde nicht als Mörder geboren.

Schließlich betonte Krebs, dass die meisten Gewalttaten nicht von psychisch kranken Menschen begangen werden – die starke gesellschaftliche Stigmatisierung sorgt jedoch dafür, dass die Betroffenen starke soziale Ausgrenzung erfahren und häufig selbst Opfer von Gewalt werden. Anders als bei Depressionen, stellt sich bei psychischen Erkrankungen wie z.B. Schizophrenie eher eine zunehmende gesellschaftliche Abwertung statt abnehmender Diskriminierung ein.

Nach dem Film blieb auch Zeit für Fragen aus dem Publikum. Diese drehten sich unter anderem um eine mögliche Diagnose des Krankheitsbildes vom Joker. Dafür kämen mehrere Krankheiten in frage, da je nach Szene unterschiedliche Facetten beleuchtet werden würden. Anwesende Studierende lobten vor allem das Setting und die fachliche Einbettung des Films. Gerade im Zusammenhang mit medialer Berichterstattung zu Straftätern mit psychischen Störungen sei es interessant, die Hintergründe genauer verstehen zu können.

Wer nun Lust auf noch weitere Filmvorführungen mit interessanten psychologischen Einordnungen hat, hat dazu noch im März und April Gelegenheit. Am 27. März geht es um “Die Jagd: Wie falsche Vorwürfe ohne böse Absichten entstehen können und welche psychologischen Mechanismen daran beteiligt sind.” und am 17. April um “Anatomie eines Falls: Die Sprache der Metapher lehrt uns ungemein wichtige Zusammenhänge des Verstehens”.

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