„Das rote Haus“ – ein Stück über das Erinnern und Vergessen

„Das rote Haus“ – ein Stück über das Erinnern und Vergessen

Ein Beitrag von Cora Zabel

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„Herzlich empfangen, dann kalt verarscht“

„Das rote Haus“ am Maxim Gorki Theater, Aufführung am 30. April 2026  

Auf der Suche nach Arbeit, Glück und einer besseren Zukunft reisten in den 1960er Jahren tausende Frauen – größtenteils aus der Türkei – nach Berlin. Das Theaterstück „Das rote Haus“, inszeniert von Till Briegleb und Ersan Mondtag unter der Intendantin Shermin Langhoff im Rahmen des 7. Berliner Herbstsalons, feierte am 2. Oktober 2025 im Maxim Gorki Theater Berlin seine Uraufführung. Es erzählt die Geschichte von vier jungen Frauen: Canan, Keriman, Saadet und Yüksel. Auch am Donnerstag, den 30. April 2026, füllten neugierige Zuschauer:innen das Theater – letztmals wird das Stück am 25. Mai 2026 zu sehen sein.  

Ankommen als Gastarbeiterinnen in der BRD  

Grauhaarig, nur mit einem Nachthemd und Pantoffeln bekleidet, sitzen die vier älteren Frauen auf Plastikstühlen in einer Kulisse einer alten Fabrikhalle – eine düstere, bedrohlich wirkende Szene. 

Nacheinander kommen einzeln junge Pflegerinnen auf die Bühne: „Sind Sie meine Enkelin?“, werden sie von den älteren Frauen gefragt. Die Begegnung der älteren und jüngeren Spielerinnen stellt symbolisch die Verbindung der Frauen mit ihren jüngeren Alter Egos dar. Im Schnelldurchlauf werden nacheinander die individuellen fiktiven Biografien der einzelnen Frauen erzählt, die auf echten Geschichten basieren.  

Die Frauen mit teils türkischen, griechischen, jüdischen, armenischen, kaukasischen oder kurdischen Wurzeln und sehr unterschiedlichen Familiengeschichten erhofften sich in Deutschland eine Chance auf eine gute Zukunft – doch ihre Ankunft wurde ihnen nicht leicht gemacht.  

Die Anwerbung sogenannter „Gastarbeiter:innen“ in den 1960er Jahren war ein zentraler Bestandteil der westdeutschen Wirtschaftspolitik. Viele der angeworbenen Frauen wurden jedoch nicht als Individuen wahrgenommen, sondern vor allem als unsichtbare Arbeitskräfte. Sie alle kamen mit schweren Koffern nach einer dreitägigen kräftezehrenden Zugreise von Istanbul in Berlin an. 

Das Rote Haus in Kreuzberg, Stresemannstraße 30, was in den 1960ern von der Firma Telefunken als Wohnheim genutzt wurde, war eine ehemalige Erziehungsanstalt – die „Plamannsche Anstalt“, in der schon der junge Otto von Bismarck zur Disziplin gedrillt wurde.  

Dort sollte ihr ihr neues Zuhause entstehen, denn hier würden die Frauen von nun an leben: 6 Tage die Woche arbeiten und in Doppelstockbetten schlafen. Zu den dort lebenden Gastarbeiterinnen zählte auch Emine Sevgi Özdamar, dessen Erzählungen unter anderem aus ihren Romanen ,,Die Brücke vom Goldenen Horn” und “Seltsame Sterne starren zur Erde” für die Entstehung des Stückes verwendet wurden. Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit verarbeitete sie in diesen Werken – als literarische Annäherung an Sehnsucht, Aufbruch und den Wunsch nach Selbstbestimmung. Im »Wonaym«, geprägt von schmalen Gängen und gemeinschaftlich genutzten Küchen, entwickelte sich ein eigener Kosmos des Zusammenlebens. Hier entstanden Freundschaften, hier formten sich alltägliche Rituale. Zusammen erkundeten die Frauen die Stadt, gingen ins Theater, ins Kino, tanzten. Immer begleitet von der Suche nach einem Platz, an dem sie dazugehören konnten – und nach Wegen, ihre Hoffnungen und Träume zu verwirklichen.  

Begleitet wird das Stück in einzelnen Szenen durch den Seyyare – Anatolian Women’s Choir, welcher durch seine Lieder von Sehnsucht und Heimweh eine schmerzhaft-melancholische Stimmung entfacht. Auch die expressiven Kostüme und das Bühnenbild tragen zur starken Wirkung der Inszenierung bei und verleihen ihr eine eindrückliche visuelle Ästhetik. 

Zu viele Geschichten, zu wenig Raum 

In der Inszenierung von Till Briegleb und Ersan Mondtag scheinen jedoch durch die stark geraffte, stellenweise fast gehetzt wirkende Erzählweise, die ohnehin komplexen Lebensgeschichten der Frauen in den Hintergrund zu geraten. Im Schnelldurchlauf werden durch rasant-abgespielte schwarz-weiß Skizzen ihre Biografien an einer Leinwand dargestellt und nacheinander erzählt- zu viele Eindrücke, zu viele Schicksale, die kaum Zeit haben, sich zu entfalten. Was bleibt, ist ein Gefühl der Überforderung: Die einzelnen Geschichten verschwimmen, bleiben schwer greifbar, kaum erinnerbar. Ausgerechnet das, was im Zentrum stehen sollte – das Sichtbarmachen und Erinnern dieser Frauen und ihrer individuellen Lebenswege – kommt zu kurz.  

Mehr Raum und Zeit hätte es gebraucht, um ihren Geschichten mehr Gewicht und den einzelnen Frauen eine eigene Stimme zu verleihen. Denn wer sie waren, woher sie kamen, welche Hoffnungen sie mitbrachten – all das spielte in der deutschen Gesellschaft jener Zeit kaum eine Rolle. Sie galten als austauschbare Arbeitskräfte am Fließband. Umso wichtiger wäre es gewesen, genau diesen Aspekt noch stärker in den Fokus zu rücken: ihre Geschichten zu erzählen, statt sie im Tempo der Inszenierung beinahe erneut verschwinden zu lassen. 

Bezug zur Gegenwart  

Gleichzeitig eröffnet das Stück eine zweite Ebene: den Bezug zur Gegenwart. Die Frage des Erinnerns zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend, was durch die Demenz einer der Frauen als Metapher genutzt wird: Diese Frauen wurden vergessen und das Bewusstsein über die Geschichte Deutschlands gleich mit ihnen. Im Programmheft heißt es:  

„Das Gedächtnis der gesamtdeutschen Gesellschaft für die Gründe ihres letzten Untergangs, sowie für die Leistungen, die von Menschen ohne Mitschuld für den Aufbau einer Gesellschaft (…) erbracht wurden, befällt täglich mehr die historische Amnesie. In der politischen Vertrauenskrise der Gegenwart ist deshalb Rückbesinnung auf eine Zeit, die Türen öffnete, auch Hoffnung auf Wandel.“  

Durch das gesamte Stück hinweg laufen über einen Fernseher immer wieder eingespielte Berichterstattungen als Tonspuren – gesprochen von den Spieler:innen selbst. Zunächst sind es Ausschnitte aus den 1960er- und 70er-Jahren, die deutlich machen: Skepsis, Ablehnung und Vorbehalte gegenüber den “Gastarbeiter:innen” waren von Anfang an präsent.  

Die Inszenierung zeigt ihre Stärke genau dort, wo sie den Bezug zur Gegenwart herstellt, wohin sich die Ebene in den letzten Szenen schließlich verschiebt. Man hört aktuelle Zitate der AfD-Chefin Alice Weidel vom AfD Parteitag in Riesa 2025: „Wenn es dann ,Remigration‘ heißen soll, dann heißt es eben ,Remigration‘.“ und Parolen wie „Wir sind das Volk!“. Die Bilder werden lauter, direkter, bedrückender. Schließlich werden die vier Frauen – Canan, Keriman, Saadet und Yüksel – symbolisch auf einem alten Wagen sitzend „zurückgeführt“, während die Rufe im Hintergrund anschwellen.  

Vergessen zu erinnern?  

Damit verschiebt sich der Fokus des Stücks: Weg von den einzelnen Biografien, hin zu einer übergeordneten Frage – wiederholt sich die Geschichte? Das, was einst war, scheint in veränderter Form wiederzukehren. 

Durch diese dramaturgisch starken Inszenierungen entsteht somit der Eindruck, dass weniger die individuellen Lebensgeschichten im Zentrum stehen, sondern vielmehr der Bezug zur aktuell gesellschaftlichen und politischen Lage, und die Frage danach, wie viel und ob sich überhaupt tatsächlich etwas in der deutschen Gesellschaft verändert hat.  

Gerade in diesen Momenten entfaltet das Stück seine größte Kraft: Wenn Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen, eine beklemmende Atmosphäre entsteht, die Szenen erschafft, die so eindrucksvoll sind, dass sie noch lange nachwirken.  

Deshalb steht außer Frage: Die Inszenierung trifft einen wichtigen Nerv der Gegenwart- dennoch hätte sie mehr Zeit gebraucht, um den vergessenen Frauen gerecht zu werden. Denn damit rückt ausgerechnet das in den Hintergrund, was das Stück eigentlich sichtbar machen und erinnern will. 

Bildquelle: © Esra Rotthoff

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