Interview mit SpeakUP – Teil I
Es ist der größte Gefangenenaustausch seit den 90er: Als am 1. August 2024 eine Maschine aus Ankara den Flughafen Köln/Bonn gegen elf Uhr zur Landung ansteuert, ahnen zu diesem Zeitpunkt nur wenige von der tatsächlichen Brisanz dieses Fluges. An Bord sind keine gewöhnlichen Passagiere, sondern die Protagonisten eines beispiellosen politischen Spektakels, der die Welt außer Atem brachte.
Auf Initiative der damaligen US-Administration Biden und der russischen Seite gibt es einen nie dagewesenen Gefangenenaustausch. Ein wesentliche Rolle spielt dabei auch Deutschland. In dessen Haft befindet sich nämlich eine für Russland besonders wichtige Personalie: der „Tiergarten-Mörder“ Vadim Krassikow. Dieser hatte auf Geheiß des Föderalen Dienstes für Sicherheit der Russischen Föderation, kurz FSB, im August 2019 den Georgier Selimchan Changoschwili am hellen Tage im Tiergarten von Berlin getötet und vor dem Kammergericht rechtskräftig zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Wir berichteten bereits zu diesem Fall.
Der gesamte Prozess stand dennoch mehrfach in der Kritik, nicht nur, weil der Generalbundesanwalt Jens Rommel einem Deal laut Justizkreisen nicht zustimmte, sondern auch, weil auch die Gefahr bestand, dass Deutschland sich erpressbar mache. Der damalige Sprecher der Bundesregierung, Steffen Hebestreit, erklärte den Schritt in einer Pressemitteilung so: „Die Bundesregierung hat es sich nicht einfach gemacht. Dem staatlichen Interesse an einer Vollstreckung der Freiheitsstrafe eines verurteilten Verbrechers standen die Freiheit, das körperliche Wohlergehen und – in einigen Fällen – auch das Leben unschuldig Inhaftierter gegenüber.”
Als Dreh-und Angelpunkt dieses Austausches forderte der Westen im Gegenzug nicht weniger bekannte Persönlichkeiten aus russischer Haft zu entlassen Für die Amerikaner stand zum Beispiel die Befreiung des Wall Street Journal-Reporters Evan Gershkovich und des ehemaligen US-Marines Paul Whelan an oberster Priorität. Diese Männer wurden zu jeweils 16 Jahren in Russland wegen angeblicher Spionage verurteilt. Auf Deutschlands Liste standen unter anderem Rico Krüger und Kevin Lick ganz oben.
Der damals 18-jährige Kevin war der jüngste Beschuldigte, der bisher in Russland wegen angeblichen „Landesverrats“ eingesperrt wurde: Vier Jahre Haft lautete sein Urteil. Jetzt – knapp 2 Jahre nach dem Austausch, durften wir mit Kevin Lick sprechen. Es ist eine beklemmende Geschichte darüber, wie der FSB ihn und seine Mutter ins Visier nahm, wie der Prozess sein Leben veränderte und wie er die Zeit in Putins Steuerapparat überlebte.
Der Feind mit dem deutschen Akzent
Kevin wächst in Rheinland-Pfalz auf, bis sich seine Mutter entschließt, zurück nach Russland in die kaukasische Großstadt Maikop zu ziehen. Da ist er gerade einmal zwölf Jahre alt. Zunächst blickt der junge Schüler positiv auf die neue, alte Heimat. Doch bald erlebt er dort Anfeindungen und wird unter anderem als „Faschist“ bezeichnet. „Man wird dort mit gewissen Feindbildern erzogen und dieses gewisse Feindbild wurde in mir wiedergefunden, weil ich diesen deutschen Akzent hatte.“, erklärt er uns.
Mit der Zeit ändert sich auch seine Einstellung gegenüber dem System. Spätestens als 2018 zu den Präsidentschaftswahlen Wahlurnen am Arbeitsplatz seiner Mutter aufgestellt werden und bei einer „falschen“ Entscheidung mit Konsequenzen gedroht wird, kommen erste Zweifel auf. Angefeuert durch die Enthüllungen der korrupten Machenschaften Putins durch den bereits verstorbenen Oppositionsführer Alexej Nawalny, beginnt auch Kevin politisch aktiv zu werden.
So steckt er einem lokalen Blogger Bilder seiner sanierungsbedürftigen Schule zu oder ersetzt das Porträt des russischen Machthabers in der Schule durch eines von Nawalny. Diese Aktionen bleiben vorerst scheinbar ohne Konsequenzen.
Der falsche Diplomat
Als sich 2021 die Anzeichen auf einen möglichen Angriff auf die Ukraine verdichten, bemerkt Kevin vor seiner Wohnung merkwürdige Aktivitäten. Von seinem Balkon aus ist ein Militärgelände zu sehen, auf dem jahrelang keine Bewegung stattgefunden hat. Doch plötzlich werden die Fahrzeuge repariert und abtransportiert. Das veranlasst ihn dazu, Fotos vom Geschehen zu machen. „Ende 2021 gab’s halt Bewegung. Da habe ich angefangen, Fotos zu machen. Zunächst nur für mich.“
Als im April 2022 nach dem Abzug der russischen Truppen aus den Vorstädten von Kyjiw erste Kriegsverbrechen bekannt werden, versucht Kevin, ebendiese Bilder an die deutsche Botschaft in Moskau zu übermitteln. Doch jegliche Kontaktversuche schlagen fehl.
Ende Mai wird Kevin schließlich von einer deutschen Nummer über einen Messenger kontaktiert. Die Person gibt vor, Mitarbeiter der deutschen Botschaft zu sein. Es entsteht ein monatelanger Austausch von Informationen über die Aufstellung von Freiwilligen-Einheiten, Referenden in den besetzten Gebieten der Ukraine und Fluchtrouten. „Ich wollte meine Pflicht erfüllen, die ich damals gespürt habe. Wie kann es denn sein, dass ich jeden Tag so etwas sehe und dagegen nichts machen kann? Zum Teil war es für mich eine Art von Widerstand, weil öffentlicher Widerstand natürlich fast unmöglich war.“ , begründet er sein Vorgehen.
Was er damals nicht weiß: Der FSB hatte ihn bereits im Visier und sich als Botschaftsmitarbeiter ausgegeben. Doch wie kam der Geheimdienst überhaupt an ihn heran? An dieser Stelle kann Kevin nur mutmaßen: „Wahrscheinlich wurde ich von der stellvertretenden Direktorin wegen des Skandals mit dem Porträt von Alexej Nawalny beim FSB denunziert.“
Schließlich entscheiden sich Kevins Mutter und er im Sommer 2022, Russland zu verlassen und beantragen dafür in Moskau ein Visum. Doch auch auf dem Weg dorthin ist ihnen der FSB dicht auf den Fersen. Sie werden beschattet, beobachtet und verfolgt. „In den Ermittlungsakten gab es über hundert Fotos, wie wir in Moskau spazieren, wie ich dann in die deutsche Botschaft reingehe.“
Konkurrenz auf regionaler Ebene
Um die Ausreise gezielt zu verhindern, lässt der FSB die Mutter nach einem Termin im Militärkommissariat unter vorgeschobenen Gründen – angeblich wegen Vandalismus und Beleidigung Putins – für zehn Tage inhaftieren.
Mutmaßlich wendet der Geheimdienst diese Verzögerungstaktik an, da wohl zu dem Zeitpunkt intern noch Unklarheiten über Kevins mögliche Verhaftung herrscht. Laut Kevin hatte ein in Auftrag gegebenes Gutachten nämlich versehentlich bestätigt, dass er durch den verdeckten FSB-Agenten gezielt zu den Handlungen provoziert worden war. So glaube er, dass die Festnahme der Mutter ihnen Zeit verschafft hatte, um das Gutachten zu überarbeiten.
Zudem herrscht Druck von oben: Seit dem Kriegsbeginn hat Moskau das jahrzehntelange Monopol der Geheimdienstzentrale aufgebrochen und die Zuständigkeit für Landesverrat-Verfahren an die regionalen FSB-Stellen abgetreten. Seither tobt zwischen den Behörden ein regelrechter Konkurrenzkampf darum, mit solchen Verurteilungen politisches Prestige zu sammeln und der Zentrale in Moskau Resultate zu liefern. In dem russischen Sicherheitsapparat hat dieser Kampf sogar einen festen Namen: die „Palotschnaja Sistema“. Kurz gesagt ist das die Pflicht, jedes Jahr mehr Erfolge vorzuweisen als im Vorjahr.
Ein verurteilter „Spion“ bedeutet für die Regionalbeamten schnellere Beförderungen, Schultersterne und Lob aus der Zentrale. Wie ein Bericht des unabhängigen und investigativen russischen Mediums The Insider nahelegt, sind solche Beförderungen im russischen Apparat kein Geheimnis. Schon vor dem Krieg bauten Moskaus Top-Ermittler wie Alexander Tschaban, der unter anderem den Journalisten Iwan Safronow für 22 Jahre ins Gefängnis brachte, ihre Karrieren weiter auf. Tschaban war zuvor Oberstleutnant, jetzt ist er Oberst und ein leitender Ermittler. Seit Kriegsbeginn eifern die regionalen Beamten genau diesen Erfolgsgeschichten nach.
Die Menschenrechtsorganisation “Perwy Otdel” beobachtet seit der Reform eine Explosion an Verfahren wegen Spionage und Hochverrat. Eine großangelegte Studie des Projekts aus dem Dezember 2024 hat dabei drastische Zahlen festgestellt: Von knapp 1.000 untersuchten Fällen seit 1997 wurden fast 800 allein nach dem Beginn des Krieges eröffnet.
Da in den Provinzen wie Maikop Agenten rar sind, erschaffen sich die Ermittler selbst welche. FSB-Mitarbeiter geben sich online als ausländische Diplomaten aus und verleiten ahnungslose Bürger gezielt zu strafbaren Handlungen. Genau in diese Bärenfalle ist Kevin getappt.
Endstation: Adler
Wenig später erfolgte ein zweiter Versuch der Ausreise. Von Maikop mit dem Zug geht es Richtung Adler, einer Großstadt in der Region Krasnodar. „Als wir aus dem Hotel rausgegangen sind, um etwas essen zu gehen, habe ich einen Menschen mit Kapuze und Medizinmaske am Straßenrand bemerkt. Er hat angefangen zu filmen. Wenige Minuten später ist ein Minibus vorbeigefahren und ist direkt vor uns stehen geblieben.“
Mindestens sechs Männer springen aus dem Wagen und packen ihn an den Schultern, schildert Kevin. Der Vorwurf: Landesverrat. Er soll Spionage für Deutschland betrieben haben. In einem früheren Spiegel-Interview beschreibt die Mutter die Szene unter Tränen: „Es war schrecklich. Mir war sofort bewusst, dass sie meinen Sohn für lange Zeit wegnehmen werden.“
Kevin wird zurück nach Maikop gefahren. Die Wohnung wird durchsucht. „Das Bekennerschreiben war schon fertig gedruckt.“, erinnert sich Kevin. „Was hätte ich denn tun sollen? Nicht unterschreiben? Was macht das denn für einen Sinn? Man hat die komplette Kontrolle über die Situation verloren, wie ein Bauer im Schach.“ Wenn er nicht unterschreibe, bekomme er zehn Jahre Haft, bei Unterzeichnung könne er auf sieben Jahre hoffen, sagt ihm seine Pflichtverteidigerin noch in der gleichen Nacht. Das Ergebnis: Untersuchungshaft und sechs Monate später der Gerichtsprozess.
In den zwölf Verhandlungstagen im Keller des Gerichtsgebäudes kam es zu einem bizarren Vorfall. Es lag nämlich die Befürchtung nahe, dass ein Beweisverwertungsverbot greift. Ein FSB-Agent gibt im Zeugenstand massive Ermittlungsfehler bei der Überwachung zu. So gibt er an, dass er ein Telefon benutze, das er für die Ermittlungen gar nicht mehr hätte einsetzen dürfen. Dies ignorierte die Richterin und aus dem Risiko einer möglichen Berufung zieht die Anklage kurzerhand die Notbremse und stellt einen Befangenheitsantrag gegen die Richterin. Der neue Richter drückt alle Beweise im Schnelldurchlauf durch und nach zwei weiteren Verhandlungstagen folgt das harte Urteil: vier Jahre Haftstrafe. Eine eingelegte Berufung bleibt erfolglos. Kevin wird kurze Zeit darauf in den Norden Russlands in die Strafkolonie 14 abtransportiert…
Wie Kevins Geschichte im russischen Lagersystem weitergeht, lest ihr in Teil II unseres Interviews.
Bildquelle: A. Savin, Wikipedia

Kommentar verfassen