Sonntagabend, eine kleine Bühne über der Mensa und die Scheinwerfer gehen an, am Ende des prunkvollen Campus Am Neuen Palais. Es beginnt der Höhepunkt eines Projektes, das nun seit über einem Jahr vorbereitet wird, ganz aus studentischer Initiative heraus.
Die Rede ist vom Theaterstück „Tantalus und der Teufel von Ibys“, das am Wochenende des 4. und 5. Juli vom Studi Theater Club erstaufgeführt wurde. Studierende aus allen Studienrichtungen konnten hier ihrer Kreativität freien Lauf lassen und für die Mitarbeit, entweder am Bühnenbild, an der Social Media Promotion oder als Schauspielende, bis zu 12 Leistungspunkte einsammeln. Über zwei Semester trafen sich die Studierenden jede Woche und zuletzt selbst an den (teuflisch) heißen Wochenendtagen der Hitzewelle, um ein selbst verfasstes Märchen gemeinsam zu inszenieren.
The artist is present
Ins Leben gerufen wurde der Studi Theater Club von Florian Steidl, der das Stück selbst verfasst hat und als Märchenerzähler durch den Abend führte. In drei Akten begleitet er so den Spielmann Tantalus durch seine Lebensgeschichte. Sie beginnt mit dem Leiden des jungen ausgestoßenen Künstlers, das zu einem Pakt mit dem Teufel führt, der ihm zwar Ruhm, Reichtum und die Hand der Königstochter verspricht, seine Seele aber nach sieben Jahren in die Hölle des Ibys verdammt. Dort muss er sich nicht nur den höllischen Dämonen Invidia und Gula, sondern auch seinen eigenen stellen. Um sich aus der Verdammnis zu befreien, muss er „Dem Nichts“, seiner eigenen selbstzerstörerischen kritischen Stimme im Dunkel entkommen; die ihn verzehrenden Dämonen überlisten und schließlich lernen loszulassen. Die Sehnsucht erscheint ihm in Form einer venezianischen Maske, die Chaos, Schmerz und Perfektion verspricht. An dieser letzten Aufgabe scheitert er und tritt als Marionette des Teufels zurück in sein Leben, in dem nun 16 Jahre vergangen sind und seine junge Tochter zur Anwärterin auf den Thron herangewachsen ist. Reiner und klüger als ihr Vater durchschaut sie allerdings die trügerischen Angebote des Teufels, erkennt die Melodien des Vaters aus Kindheitstagen und erlöst ihn von seinem Schicksal, indem sie hinter die Maske blickt und ihm einen Kuss der wahren Liebe gibt.
Herzensprojekt und Leistungspunkte
Die Liebe ist es auch, die das Stück zusammenhält. Von Beginn an wird klar, dass das Theater ein Herzensprojekt ist, gerade für Steidl. „Das ist Flos Baby“, sagt Chiara Stark, die am Sonntagabend die Königstochter spielte. Sie hatte schon immer Theaterinteresse, auch am Gymnasium belegte sie schon Darstellendes Spiel und freute sich nun über die Möglichkeit, im Rahmen von Studium Plus auch Menschen außerhalb der eigenen Studiumsbubble kennenzulernen. Ähnlich ging es auch John Zander, der eigentlich Sporttherapie und -prävention studiert. Neben der kreativen Möglichkeit Leistungspunkte zu erarbeiten, war dies für ihn vor allem eine Chance komfortabler mit dem Sprechen vor Menschen zu werden: „Auf der Bühne musst du dann eben irgendwas sagen.“

Die Kunst und die Dämonen des Künstler
Florian Steidl selbst möchte auf der Bühne sehr viel sagen. Die Geschichte, angelehnt an die klassischen Strukturen Grimm’scher Märchen, strotzt nur vor Symbolismus, von den Namen der Charaktere über die magischen Zahlen Drei und Sieben bis hin zum Text selbst. Im Gespräch verrät er, mit dem Schreiben auch eine eigene toxische Beziehung aufgearbeitet zu haben, besonders der Kampf um den Schmerz des Bleibens oder des Loslassens wird in der Szene mit der Maske deutlich. Und auch das Ringen mit dem inneren Kritiker und das Hadern mit der eigenen Kunst, was wohl die meisten Kunstschaffenden im Laufe ihrer Karriere bewegt, verarbeitet er in den Texten. So reflektiert der Protagonist Tantalus schon zu Beginn darüber, wie die „Kunst schwankt, sie ist ganz zerbrechlich“. Und weiter hadert er: „Bin ich falsch mit meiner Kunst, versteht nur einer, was ich sage?“ Die Chance, dass es einer verstehen könnte, reicht Steidl, um seine Kunst zeigen zu wollen, Geschichten könnten Leben retten. Denn auch die Vergänglichkeit treibt ihn an. „Wenn ich über den Tod nachdenke, was bleibt dann von mir?“, fragt er sich und weiß, es ist die Kunst, die er mit der Gruppe an Studierenden zum Leben erwecken durfte.

Leise Kritik und Schauspielprominenz im Publikum
Bei allem Pathos um den Schaffensprozess äußerte sich im Publikum allerdings auch leise Kritik. So schwärmt ein Student im Vorbeigehen „Die Kostüme, der Text, die schauspielerische Leistung waren großartig, aber die Geschichte mit der Seele und dem Teufel ist doch schon ein bisschen ausgelutscht.“ Eine weitere Studentin aus Berlin kommentiert, sie habe erwartet, dass das Stück moderner wäre, man merke, es sei von einem Mann konzipiert worden. Gleichzeitig lobte sie das schauspielerische Potenzial vieler der Beteiligten. Zu Gast war auch Govinda Gabriel, selbst professioneller Schauspieler, der an Theatern in Berlin und München sowie in der erfolgreichen Serie Maxton Hall mitspielt. Er bemerkt: „Es war eine gelungene studentische Vorstellung, in der nur der Spielwitz manchmal zu kurz kam.“
Diesem Eindruck wäre wohl entgegen gewirkt gewesen, hätte Steidl seinen ersten Entwurf inszeniert. Das Stück sei nämlich zuerst als Komödie konzipiert worden, inspiriert von der mehrschichtigen Tiefe Shakespeares habe er es aber zu einem Drama umgeschrieben. Bis zuletzt haderte er mit dieser Entscheidung, entschloss sich dann aber für eine Inszenierung mit dem fertigen Material. Der Gruppe selbst sei er mehr als dankbar dafür, wie sie sich selbst bei brütender Hitze ins Spielen gehängt haben: „Wir haben geschwitzt, gelacht und geweint.“
Was bleibt?
„Bleib wie du bist, machs so und noch besser,“ verabschiedet sich einer von Steidls Freunden an dem Abend. Und wer eins aus dem Stück mitnehmen möchte, dann das: Es muss nicht allen gefallen, aber nur wer wagt, für das, was er tut, gesehen zu werden, kann daran wachsen. Angst mag zwar vor Zurückweisung schützen, frei wird man aber, wenn man sich ihr stellt und dadurch gesehen, erkannt und verstanden wird.

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