Ein Gastbeitrag von Erik Dietrich
Wirkliche Revolutionäre gibt es heute selten. Ein solcher ist apl. Prof. Dr. Ralf Pröve. Er ist außerplanmäßiger Professor an der Universität Potsdam und betreut den Bereich Sozialgeschichte. Zum Ende des Jahres wird er in Rente gehen.
Prof. Pröve Verständnis von Geschichte kann man durchaus als besonders beschreiben. Nach ihmist es eben nicht nur die “Dinge von größerer Wichtigkeit”, also Zahlen, Daten und Fakten, sondern Geschichte ist viel mehr als das. Es geht dabei vor allem um die menschliche Erfahrung. Einmal der
Menschen, die damals gelebt haben, aber eben auch unserer Erfahrung, von denjenigen, die es im Nachhinein erforschen wollen.
So kritisiert der Professor an dem Geschichtsunterricht in Schulen, aber auch an der Art und Weise wie es an Universitäten unterrichtet wird, eben genau diesen Punkt: Dass Geschichtskunde gemacht wird. Es ginge eben nur darum, von wann bis wann ein Kaiser gelebt hat, wann welche Schlacht stattfand oder welche Inhalte ein Friedensschluss gehabt hat. Auch wenn diese Dinge alle wichtig sind und ihre Berechtigung haben, so könnte man sich doch auch mal die Frage stellen, wie denn die Menschen in der Region einer Schlacht diese empfunden haben? Oder wie ging eigentlich Reisen in der Frühen Neuzeit?
Ein zentraler Konzept von ihm ist eben auch, wie man sich selbst beim Denken zusehen lernt. Prof. Pröve geht es in seinen Seminaren eben auch darum, dass besonderer Raum für die Studierenden geschaffen wird, um zu diskutieren, zu wachsen und vor allem nachzudenken. Es ging darum, wie man selbst seine eigene Arbeit reflektiert und vor allem auch darum, sich persönlich einzubringen.
Nachzudenken ist ein schwieriger Akt, aber wir müssen ihn dennoch wagen. Er betont die Schönheit des Schreibens. Man sollte vor allem, auch beim wissenschaftlichen Arbeiten, wieder das “Ich” ins Zentrum stellen. Ihm ging es aber auch vor allem um den Austausch untereinander. Nur in einer lebendigen Diskussion kann man wachsen, ob das jetzt im Seminar, dem Klassenzimmer oder in seinem privaten Umfeld sei.
Kritische Reflexion als zentrale Technik
Weiterhin plädiert für die Einführung des Fachs Geschichte als Hauptfach in der Schule. Dabei sollte es aber noch reformiert werden. Es ginge ihm darum, von den Dingen von größerer Wichtigkeit wegzukommen, sondern eben in diesem Fach vor allem Medienkompetenz beigebracht zu bekommen. Einmal sollte man reflektieren, was die Intention des Erschaffers einer Quelle war, aber eben auch wie man selbst an diese Quelle herangeht.
Genau bei dieser eigenen Herangehensweise, sollte man lernen, sich selbst zu reflektieren und dadurch sich selber beim Denken zusehen lernen.
Von dieser Technik kann man sich persönlich einiges mitnehmen. Auch wenn man keine Geschichte studiert, so sollte man dennoch seine eigenen Arbeit immer reflektieren. So arbeiten eben auch Kultur- und Sozialwissenschaftler, Naturwissenschaftler und Mathematiker, Ingenieure und Informatiker, Juristen und Wirtschaftswissenschaftler mit Quellen, die ihnen etwas sagen, aber auch sehr viel verheimlichen.
Das Aufarbeiten dieses Verheimlichten ist im Endeffekt der Grund, warum wir Wissenschaft betreiben. Es geht um die Erforschung von etwas neuem, ein kleines Puzzlestück, was wir in ein größeres Bild unseres jeweiligen Fachbereichs einordnen können.
Geschichte ist in diesem Fall besonders herauszustellen, da hier ein relativ großer Interpretationsraum für die vergangenen Ereignisse und Entwicklungen liegt. Immer wieder versuchen sich Personen oder Vereinigungen über Geschichte zu legitimieren oder bestimmte Verbindungen zu knüpfen. Besondere Tage geben dafür einen besonderen Anlass.
Andenken und Vorbilder
Gerade zum 20. Juli werden immer die Aufrührer vom Staufenbergattentat als Beispiel verwendet. Der Ministerpräsident von Bayern, Markus Söder, teilte beispielsweise ein Bild von Stauffenberg und schrieb unter anderem dazu “Das Andenken an Claus Schenk Graf von Stauffenberg, sowie die Frauen und Männer um ihn herum erinnert uns immer wieder an unsere Verantwortung für Deutschland und seine Demokratie.” Das bedenkliche daran ist doch, dass der Regius Professor of History an der University of Cambridge, Sir Richard Evans, einmal schrieb, dass Stauffenberg als Vorbild schlecht geeignet sei. Der Historiker Steven Krolak beschrieb seine Ansichten als “antidemokratisch” und “nationalistisch”. Es ist eben immer die Frage, welche Eigenschaft man in den Vordergrund stellen möchte.
Genau deswegen sollten wir lernen, uns selber beim Denken zuzusehen lernen. Um genau diese eigene Sichtweise der Herausstellung von Eigenschaften zu hinterfragen. Pröves Konzept von einer neuen Geschichtswissenschaft lässt sich grundlegend auch auf andere Wissenschaften übertragen, ist aber für die Erforschung der Vergangenheit besonders wichtig. Seit nicht mal 100 Jahren ist eine rechtsextreme Partei wieder stärkste Kraft in Deutschland. Um eine Wiederholung zu verhindern, sollten wir anfangen aus der Geschichte zu lernen.

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