Corpus Delicti: „Ein Gespräch über Sicherheit, Kontrolle und Freiheit in der KI-Gesellschaft”

Corpus Delicti: „Ein Gespräch über Sicherheit, Kontrolle und Freiheit in der KI-Gesellschaft”

Ein Beitrag von Anna-Lena Duncan

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Live-Podiumsdiskussion im Futurium Berlin

Am 26.09. fand zum Kinostart des Films „Corpus Delicti” ein Gespräch organisiert durch das Futurium Berlin statt, welches sich mit Fragen rund um Freiheit, Sicherheit, Kontrolle durch den Staat und dem Nutzen und den Implikationen von KI befasste.

Eingeladen waren die Regisseurin und Drehbuchautorin des Films, Lena Stahl, welche bereits für ihre Arbeit an der Netflix Serie „Die Kaiserin” einen Emmy erhielt, und Prof. Dr. Christiane Woopen, die im Vorstand der europäischen Ethikkommission sitzt und im Jahr 2018 das Bundesverdienstkreuz der ersten Klasse erhielt. Moderiert wurde die Veranstaltung durch die Filmproduzentin, Moderatorin und Journalistin Andrea Thilo. 

Setup: „Corpus Delicti” als Bezug auf die momentanen Entwicklungen

Zum Einstieg wurden Impulse von den Dreharbeiten durch Fotos gegeben. Stahl bewertete die Pressetour und die Filmpremieren in München und Berlin als zwar anstrengend, doch auch erfolgreich:  „Es hat sich gelohnt”. Die Regisseurin verdeutlichte, dass sie beim Szenenbild von einer Science Fiction Inszenierung abheben wollte, welche oftmals auf eine sterile, gar kalte und technisch orientierte Darstellung setzt. Dementsprechend nutzte sie warme Farben und minimalistische Kostüme. Die Drehorte waren vielfältig: So habe man sowohl in antiken und rustikalen Anlagen in Prag gedreht, aber auch moderne Kulissen genutzt. Das Ergebnis war ein Zusammenspiel zwischen alt und neu.

Der Film ist  durch das gleichnamige Buch von Juli Zeh inspiriert und handelt von einem dystopischen Staat, welcher durch die sogenannte  „Methode” kontrolliert wird. In diesem Staat werden die körperliche und geistige Gesundheit an erste Stelle gestellt und gesundheitliche Daten werden stets kontrolliert. Hier bewegt sich die Geschichte der Geschwister Mia Holl (Hannah Herzsprung) und ihrem Bruder Moritz Holl (Damian Hardung). Mia lebt ein systemkonformes Leben und ist Wissenschaftlerin. Dagegen  wird Moritz wegen angeblicher Vergewaltigung und Mordes an einer jungen Frau angeklagt. Für Mia wird klar, dass ihr Bruder unschuldig ist und sie beginnt die Anklage ihres Bruders zu hinterfragen. Damit stellt sie sich bei ihr im Laufe des Films gegen die    Methode und ihre Anhänger und beginnt, die  Bedeutung ihrer engsten Beziehungen zu hinterfragen.

In Anlehnung daran wurde dem Publikum die Frage gestellt, ob man persönlich die eigene Freiheit oder Sicherheit vorziehen würde. Hier zeigte sich eine fast klare Einstimmigkeit:  Die Mehrheit zieht die eigene Freiheit vor. Doch was das eigentlich ist, sei gar nicht so einfach zu bestimmen, erklärte Stahl. Dazu stellte Woopen dar, dass die eigentliche Grenze zwischen Sicherheit und Freiheit klar verschwimmen würde und man sich die Frage stellen müsste, wo die eigene Freiheit aufhört und das Eingreifen von Sicherheit beginnt.  Sie resultiert, dass durch die momentane Entwicklung die Welt immer kleiner und enger werden würde. Man verlasse  sich auf das Wirken der Technologie, die Nutzung sei gar als emanzipatorisch zu beschreiben. Denn man vernetze sich teils nur durch Technologien und verlasse sich auf das Wirken dieser. So bietet sie eine Lösung für jedes Problem und erleichtert das eigene Leben. Zum Beispiel lasse sich hier das Tragen einer Smartwatch erwähnen, welche unaufgefordert die Gesundheitsdaten erfasse. Damit wirke dies wieder Freiheit hemmend, da die eigenen Daten für die Vorteile der großen Tech-Unternehmen genutzt werden können.

Konfrontation: Die Gefahren einer Verantwortungsübertragung

Schon heute sei die KI mehr als eine bloße Maschine. Sie werde häufig vermenschlicht,  vor allem im Gespräch, wo sie als natürlicher Gesprächspartner genutzt werde. Woopen fügte hinzu, dass man der KI im Grunde menschliche Eigenschaften zusprechen würde. Daraus folgte die Frage, warum die Sprache einer KI so überzeugend erscheint. Woopen stellte dar, dass alles das,  was sprechen würde, auch direkt als Mensch abgestempelt werden würde. Jedoch lasse sich ein Mensch daran definieren, dass er eine Person an sich sei, in der Ganzheit seiner Gefühle, seines Geistes oder seiner Spiritualität. Eine KI hingegen generiert basierend auf der ihr gefütterten und bereits digitalisierten Daten und anhand dessen, welches Wort am wahrscheinlichsten folgt. Die Gleichsetzung dessen mit einem tatsächlichen Geist sei „fatal”.

Hierzu lässt sich auch ein bestimmter Bias seitens der KI darstellen. Zum Beispiel nutzt generative KI teils nur 10 von 7000 Sprachen in der Welt. Daher bestimmen diese auch unsere Narrative, da vor allem Sprache nicht nur das Gesprochene an sich, sondern auch der Wissensbestand und eine Darstellung aktueller Weltverhältnisse sei. Aber hier stellt Woopen die Anmerkung, dass aufgrund der unterschiedlichen Lebensverhältnisse eine KI gar keinen Nutzen für beispielsweise indigene Bevölkerungen habe. Stahl ergänzte , dass man meinen könnte, dass die KI einen blinden Fleck gegenüber anderen Denkweisen und Lebensweisen habe und dementsprechend andere Ideen benachteiligen würde.

Einen klaren Standpunkt haben sowohl Stahl als auch Woopen in der aktuellen Debatte, die durch CEOs verschiedener KI-Firmen losgetreten wurde, die vor den Möglichkeiten ihrer eigenen Kreationen warnen. Für Woopen war klar, dass die KI menschengemacht sei, und man die moralische Verantwortung nicht an diese übergeben solle. Auch sieht Woopen dies als einen „Marketing Gag” – Man personalisiere die KI und gebe ihr eine moralische Verantwortung. Vielmehr solle man das Handeln einer moralisch guten Person diskutieren.

Steigerung: Wie wir unsere Freiheit aktiv aufopfern

An der Unfehlbarkeit eines Systems sei zu zweifeln- so wie es Mia auch in Corpus Delicti tut. Denn Stahl hob hervor, dass Wahrheit mit Zweifeln verbunden sei.  Auch lasse sich dies anhand der Wissenschaft zeigen: man versucht erst das Gegenteil zu beweisen.  „Der Umgang mit der Wahrheit muss sich mit dem Zweifel anfreunden”, sagte Woopen.

Dieses freiheitsbeschränkende Verhalten lasse sich auch anhand der heutigen Gesellschaft darstellen. Zum Beispiel spricht Woopen die aktuelle Situation um die Wahlen in Deutschland an, wo sich das Individuum an der eigenen Freiheit bediene wählen zu gehen, damit aber eine Partei wähle, welche die Freiheit einschränke. Somit werde nicht nur die eigene Freiheit wieder genommen, sondern auch das Schicksal anderer bestimmt.

Im Grunde dessen betonten die Akteure die Wichtigkeit, ein Leben in Verbundenheit zu führen: Man brauche Netzwerke mit Menschen, auf die man sich verlassen könne und denen man vertraue. Damit verbunden sei auch die Forderung nach mehr Engagement und Zivilcourage: Denn mit der Freiheit komme auch die Verantwortung für diese gemeinsam einzutreten.

Auflösung: Auf was wir nun achten sollten

Stahls Ausführungen verdeutlichen, dass man sich stärker entscheiden sollte, sich entweder für oder gegen etwas auszusprechen und dementsprechend zu verhalten. Es gehe darum, sich zu beteiligen und politisch aktiv zu werden und sich mehr mit aktuellen Diskursen oder den eigentlichen Wahlprogrammen auseinanderzusetzen. Passend zu der Grundfrage des Films: “Wie weit würde man für die eigene Freiheit gehen?“. 

Dazu stellt sich Woppen die Zukunft als eine lebendige, vor allem in Verbundenheit gelebte, vor. Trotzdem gelte die Warnung für sie einzustehen und zusammenzuhalten. Das wurde auch durch ein Video von dem Hauptdarsteller Damian Hardung eingespielt, in welchem er dafür plädierte, dass wir als Gesellschaft sicherstellen sollen, dass die KI auch durch ihren positiven Nutzen, in unseren Händen und nicht in denen Tech-Unternehmen landen sollte- dementsprechend als Mittel, welches uns allen zur Verfügung steht.

Abschluss: Impressionen nach dem Abend

Insgesamt war es eine sehr lehrreiche Veranstaltung mit vielfältigen Einblicken in den Film und in die Vision Stahls.  Gerade dadurch lässt sich nun besser definieren,  was uns als Menschen ausmacht und wie wir uns von einer KI unterscheiden: So streben auch wir nach mehr menschlicher Verbundenheit und sprechen uns zum Beispiel mehr für das Lesen von Büchern oder das Aufrechterhalten von Live-Konzerten aus. Doch das ist nicht die einzige Lehre des Films:  Es geht auch darum, mehr auf sein Inneres zu hören,  teilweise mit den eigenen Gedanken alleine zu sein und sich nicht auf die Lösung einer Applikation zu verlassen.


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